|
Wenn der Tag dunkel ist von Theodor Flüssigfeuer „Else, er ist gefährlich.“, behauptete er mit dem gleichen melancholisch-verlorenen Ausdruck, der immer dann über sein Gesicht schlich, wenn er ein Glas Rotwein leerte und so tat, als sei dies eine unabwendbare wie belastende Qual für ihn. Else sagte nichts. Das Schweigen ihrer einst vollen und nun verdorrten Lippen war die Antwort, die ihm am wenigsten behagte. Wohin sollte es führen, wenn sie die Gefahr ignorierte? Wohin sollte es diese Welt führen? Ihre gewöhnliche Blindheit verbrannte den letzten Tropfen Achtung, den er für sie empfand, bis nur noch das bittere Salz seiner Einsamkeit übrig blieb. Er griff nach seinem Fernrohr, nahm es in die Hand und tastete. Eigenartig fühlte es sich an, anders irgendwie, als formten seine Hände einen Gegenstand, der nicht da war, der nicht da sein sollte. Grün und verschwommen sah das Fenster seines Nachbarn aus, so wie er es noch nie durchs Fernrohr gesehen hatte. Ein Teufelskerl, dachte er. Grüne Fenster, ein Teufelskerl! Else weinte, er wusste nicht warum, wollte es nicht wissen, wie er Augenblicke später auch nicht wissen wollte, warum er die leere grüne Rotweinflasche mit seinem Fernrohr verwechselt hatte. Elses Tränen versickerten in den Furchen ihres dürren Angesichts, in Furchen, die er nicht sah, weil er nur noch den Nachbarn sah. Sein vom Alter durch und durch verängstigter Blick hatte den Nachbarn von dem Moment an nicht mehr losgelassen, als sich herausstellte, dass dieser ein Moslem war. „Er ist gefährlich, Else.“, hatte er seitdem jeden Tag gesagt – und Else hatte geschwiegen. Sein Fernrohr war die Waffe gegen die Angst. Es gab ihm ein flüchtiges Gefühl von Übersicht, einen Moment des Einblicks und der Sicherheit. Das mit der Weinflasche war ein Fehler, dachte er und legte von da an nie mehr das Fernrohr aus den Händen. Nie mehr sah er undeutlich, die Zeit wurde von Linsen gebrochen, die allen Dingen eine Größe und Schärfe gaben. Auch Else war sichtlicher geworden, in ärgerlicher Weise erkennbar, namentlich in dem Augenblick, da sie sich vom Dach stürzte. Das gebündelte Licht des Todes, das auf seine Netzhaut traf, störte ihn bei seinem Auftrag. Die Gefahr ist der Nachbar! Das hatte Else nicht begriffen. Und Dummheit bleibt immer auf der Strecke. Dankbar werde die Welt ihm sein, dachte er, dankbar für die Ausdauer und die Unbeirrbarkeit, mit welcher er der Gefahr ins Auge sah und sein Volk rettete, und ihm war dies gewiss wie sein Fernrohr in der Hand.
Ende
|
|
Bewerten Sie hier die Kurzgeschichte nach dem Schulnotensystem! Ihr Urteil sollte Ihren ersten Eindruck von der Geschichte widerspiegeln. Für eine ausführlichere Kritik lesen Sie bitte weiter unten! Klicken Sie, um die Umfrage zu starten, einfach auf das Fragezeichen! |
![]() |
|
Sie können sich die Geschichte als PDF-Dokument herunterladen und gegebenenfalls ausdrucken. |
|
|
|
Wenn Sie dem Autor eine ausführlichere Kritik zukommen lassen wollen, können Sie ihm mithilfe eines Formulars eine Nachricht senden. Sollten Sie eine Antwort vom Autor wünschen, geben Sie bitte zusätzlich Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse ein. |
| [Home] [Kurzgeschichten] [Gedichte] [Essays] [Statistik] [Kontakt] [Impressum] |