Wechselwirkung

von Ute Maria Graupner

Das linke Auge blitzt. Die Braue darüber zieht sich zu einem kleinen Hügel empor. Margareta starrt auf diesen Hügel, während Hannes versucht in ihre Augen zu schauen.

„Ich unterhalte mich gern über solche Themen,“ lächelt er und zieht dabei seinen Kopf von einer Seite zu anderen, ohne seine Augen von Margaretha abzuwenden.

„Ja?“ fragt die reife Frau, reißt sich weg von der erhobenen Braue.

„Ich finde deine Perspektive interessant. Die vielen Faktoren, die in einem System in einander greifen, sind schwer zu erfassen. Weil man ja nicht gewohnt ist, multilinear den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen zu sehen.“ Hannes Augen funkeln zu Margaretha.

„Vor allem sind Wechsel wirkende Einflüsse komplizierter vorstellbar, weil wir uns in unserem Denken an einem Zeitverlauf orientieren,“ ergänzt sie. Hannes baut wieder einen Hügel über das linke Auge und schaut zu Kathrin. Sie ist in ihre Nachspeise vertieft.

„Du etwa nicht?“ Der dunkeläugige Mann lehnt sich lächelnd zurück, als ob er bereits weiß, wie das Gespräch weiter geht. Seine blonde Freundin kratzt die letzten Happen aus der Dessertschale.

„Natürlich!“ Margaretha wird von ihrer Nichte unterbrochen.

„Und wie ist da der Zusammenhang?“ Der Tonfall der Frage assoziiert Kritik.

„Wenn wir unsere Erlebnisse in einen zeitlichen Ablauf einordnen, konzentrieren wir uns meist auf eine Folgekette und sind auf dieser Basis auch ständig mit der Zukunft beschäftigt. Da entgeht natürlich Einiges, was den aktuellen Moment betrifft. Es ist, als ob wir durch einen Türspion schauen und nur das sehen, was in seinem Radius  zu erkennen ist.“ Hannes beugt sich nach vorn, als ob er schwerhörig ist. Seine bewegliche Augenbraue ist oben.

„Was hast du eben gesagt? Ich meine, wieso wird dadurch der Blick für die Gegenwart eingeengt?“ korrigiert sich Kathrin.

„Weil wir zu wenig auf die vielen Einflüsse schauen, die die Gegenwart bestimmen. Z.B. ist die Frage, was hast du eben gesagt, ein Hinweis darauf.“ Margaretha wendet ihren Blick von Kathrin zu ihrem männlichen Zuhörer, der jetzt beide Brauen hebt und ihr wieder zulächelt. Ist dir der Charme deiner Mimik bewusst, Junge? Margaretha weiß die Signale von Hannes noch nicht einzuordnen.

„Du orientierst dich an dem, was eine Sekunde vor deine Frage passiert ist. Dein Hirn ist darauf trainiert, sich damit zu beschäftigen, was in der nächsten Minute sein wird, oder was eben war. Damit schränkst du deine Wahrnehmungsmöglichkeit ein, die dir für den gegenwärtigen Moment zur Verfügung stünde.“ Margarethas Nichte wirft ihre Hand mit lockerem Schwung in den Raum über den Tisch, vorbei an Gläsern, Wasser- und Weinflasche.

„Das ist doch ganz normal! Das geht doch gar nicht anders!“ Hannes nickt, als ob er schon immer dieser Meinung ist. Seine Augäpfel rollen an den oberen Rand seines Lides. Der Blick von unten nach oben unterstreicht die Herausforderung, die in seiner Mimik liegt. Das ist doch ein typisch männlicher Gesichtsausdruck bei Flirts? Margaretha ist über ihre Faszination für das Mimenspiel des jungen Mannes irritiert.

„Bei uns ist es normal, weil wir es nicht anders kennen. Wir leben doch alle ständig mit Gedanken, die parallel zum Geschehen ablaufen und oft eine Zeiteinteilung betreffen. Werde ich noch meinen Freund besuchen? Was hattest du vor fünf Minuten gesagt? Ich muss noch dieses oder jenes erledigen. Mein Glas ist leer, möchte ich noch einen Wein bestellen?“

„Das sind doch wohl eher Hinweise, dass wir ständig denken,“ knurrt Hannes. Seine Augen funkeln.

„Sicher, aber unsere Gedanken beanspruchen den Faktor Zeit und umgekehrt. Wir denken doch, indem wir alles in einen zeitlichen und vor allem kausalen Verlauf setzen. Weil du das gesagt hast, muss ich jetzt dieses tun. Oder weil derjenige so böse schaut, werde ich das auf keinen Fall tun. Zeit ist ein Träger der finalen Kausalität. Wir sind damit verbunden, als ob sie die einzige Möglichkeit ist, das Leben zu erfassen. Und der jetzige Augenblick geht vorüber, vorüber, vorüber.“ Margaretha macht eine Geste, als ob ihr Handrücken eine andere Person zum Gehen auffordert. Sie greift zum Weinglas. Gehöre ich zu jenen Menschen, die eigene erotische Signale auf ihr Gegenüber projizieren? Oder sind Hannes Botschaften, die eines versteckten Flirts? Hatte er nicht immer wieder betont wie anregend und angenehm der Abend für ihn ist, und dass er gerne mit zwei attraktiven Frauen unterwegs sei?

„Und viele aktuelle Einflüsse zu erfassen, wäre frei von Bindung an einen zeitlichen Prozess? Das ist doch Schwachsinn!“ Kathrin schüttelt missbilligend den Kopf.

„Ja, vielleicht. Ich denke an die Faktoren, die uns beeinflussen und in einander greifend wirken,...“ Die Lieblingstante hebt den Kopf und schenkt ihrer Nichte ein warmes Lächeln. Sie mag diese schnelle Entrüstung, die sich bei Kathrin häufig einstellt. „... und durch Wechselwirkungen in uns eine Reaktion erzeugen,“ erklärt sie sich. „Ich bin mir noch nicht sicher.“ Margaretha schaut angestrengt, legt die Stirn in Falten. „Der Begriff Wechselwirkung stammt wohl ursprünglich aus der Atomphysik. Es ist die Kraft, die die Bestandteile eines Atoms zusammenhält.“

„Das Wort, Wirkung, weist ja auch wieder auf einen zeitlichen Verlauf hin,“ wirft Hannes ein.

„Ja, so wie wir es zu verwenden gewohnt sind. Aber, wenn man eine Standbildaufnahme macht, kann man nur die reine Kraft bzw. das Phänomen dieser Kraft als Ergebnis ablesen. Und ein Atom kann ja eine sehr stabile Angelegenheit sein. Der Tisch, z.B.“ Margaretha lächelt und klopft mit der Faust auf den Tisch.

„Ach, du denkst an die Holzatome!“ Kathrin kichert. Margaretha lässt ein kleines Grunzen als Ausdruck der Belustigung ertönen.

„Ergebnisse! Schon wieder ein Hinweis auf die Zeit.“ Die Hand von Kathrins Freund weist auf Margaretha. Hatte nicht Hannes sofort die Hand von Margareta ergriffen, als sie mit ihrem Finger eine anstupsende Geste in seine Richtung machte. Und hatte nicht er ihre Hand in der seinen länger gehalten, als es für ein kurzes Necken üblich gewesen wäre. Margaretha glaubte auch ein kleines Erschrecken im Gesicht seiner Freundin gesehen zu haben. So dass Margareta meinte, nur noch offensiv vorgehen zu können. „Oh du hast schöne warme Hände,“ hatte sie gesagt, „gib mir etwas Wärme, meine Hände sind so kalt.“

„Super, ihr seht beide, wie stark unser Leben von zeitlich gebundener und kausaler Betrachtung bestimmt ist. Ja, sicher Wissenschaftler, die sich mit Wechselwirkungen beschäftigen, denken natürlich auch in finalen Zusammenhängen, nur dass sie dabei Systeme betrachten vom Atom bis zum Universum. Zeit hat dabei einen anderen Charakter. Sie wird weniger wie ein Zahlenstrahl behandelt, sondern wie ein...,“.Margaretha sucht nach Worten, „wie ein Sammelsurium von Wechselwirkungen, die noch aus der Vergangenheit und aktuell wirksam sind, sich bedingen und damit Ergebnisse erzeugen.“ Vielleicht bin ich mittlerweile zur verdrehten Alten geworden, die irgendwelche Handlungsimpulse als Gesten eines Flirts interpretiert, weil ich mir dadurch eine Attraktivität einbilde, mit der ich bei der Jugend noch als interessante Frau gelte.

„Wenn wir uns vorstellen, dass es keine Zeit gäbe, würden wir nur Beziehungen entdecken, durch die alles mit einander verbunden ist. Verbindungen, die molekulare Ketten bilden, die so stabil sind wie ein Tisch, ein Stahl oder Beton. Wenn man diese Bindungsgefüge auf menschliche Beziehungen überträgt, so wird jede Handlung zu einer Reaktion, die wieder zu einem neuen Einfluss in einem Gesamtgeschehen wird.“

„Ja, der Schmetterlingseffekt, der in komplexen dynamischen Systemen eine kleine Abweichung des Bedingungsgefüges eine große Veränderung des Komplexes hervorruft.“ Hannes Stimme klingt triumphierend. Margaretha muss schon wieder lächeln.

„Sicher werden diese Betrachtungen auch über Zeit geregelt, da erst das Kontinuum der Zeit eine Veränderung in einem System erkennbar werden lässt. Aber da es ja nur ein Kontinuum eines Raum-Zeit-Gefüges gibt, und vom Betrachterstandpunkt abhängt, könnte man vielleicht folgern, dass es in einer Art Zeitlosigkeit, nur Verbindungen und Ergebnisse gibt. Hannes ist attraktiv, verdammt attraktiv, intelligent, schämt sich nicht seine gute Kinderstube anzuwenden, wie sich ein Mann einer Frau gegenüber zu verhalten hat. Margareta war es gewohnt, dass die männlichen Vertreter aus der Generation ihrer Nichte, sich noch nicht trauten die Gesten des Respekts für das weibliche Geschlecht auszuprobieren. Doch Hannes hatte ihr selbstverständlich aus dem Mantel geholfen, schenkte ihr Wein nach und schlüpfte nicht in die Kinderrolle, weil sie die Tante seiner Freundin war. Sonst wurde sie von den jungen Leuten wie irgendeine Ersatzmutter behandelt, der man mit Zurückhaltung begegnete, um es sich nicht mit einer Autorität zu verscherzen.

„Du meinst mit Schmetterlingseffekt, den Schmetterling der am anderen Ende der Welt einen Sturm auslösen kann?“ Kathrin blickt ihren Freund an, der sich mit einem provozierenden Lächeln in Richtung Tante erneut zurück lehnt.

„Ja, so gedacht, sitzen wir hier und sind nicht nur von unserer jetzigen Umgebungseinfluss bestimmt, sondern auch davon, dass es mal Mütter gab, die die anwesenden Menschen zur Welt gebracht haben, dass es eine Zeit gab, in der Ausländer ins Land geholt wurden, um hier zu arbeiten und heute das Restaurant führen. Dass wir heute anwesend sind, weil wir uns nett finden. Dass wir uns nett finden, weil mal eine unserer Bezugspersonen, so ähnlich schaute, oder weil es keine Gesprächpartner gab, die so dachten, wir aber immer jemanden suchten, mit dem wir über so etwas reden können...“

„Du verfolgst die Wirksamkeiten des Systems, also unsere Anwesenheit beim Italiener, doch auch in die Vergangenheit hinein,“ wirft die junge Nichte ein. Ihre blauen Augen sind wach und groß.

„Ja, aber ich stelle sie mir wie auf einem großen Tablett vor. Wenn das Zeiterleben von der Perspektive des Betrachters abhängt, dann kann sich ja so eine Abhängigkeitsgefüge blitzschnell entwickeln oder über Tausende von Jahren entstanden sein. So bekommt die Zeit einen anderen Stellenwert im Erleben.“

„Die Wechselwirkungen zwischen Lebewesen und ihrer jeweiligen Umgebung sind ja ein Merkmal der gesamten Evolution. So verdanken wir es den Einzellern, dass wir heute am Tisch sitzen.“ Hannes grinst

„Kein Scherz, wir hängen tatsächlich in einem Abhängigkeitsnetz, ohne es zu merken.“ Kathrin zuckt mit der Schulter, als ob sie Hannes wegschubsen will. „Und auch jetzt beeinflussen wir uns gegenseitig und achten zu wenig darauf.“ Ihr Blick ist klar und auf Margaretha gerichtet.

„Ja, in der Art, wie du mich anschaust, fühle ich Interesse an meiner Person, der Klang deiner Stimme, löst bei mir ein angenehmes Gefühl aus.“

Kathrins Stirn weist krause Linien auf. Hannes Hand auf der weißen Tischdecke rutscht bis an den kleinen Finger von Margaretha. Zufall? Die erfahrene Frau schaut in das Gesicht von Hannes, um einen Hinweis zu erhalten, wie sie den Kontakt von Finger zu Fingerspitze einzuordnen hat. Hannes blickt aufmerksam in das Gesicht seiner Freundin.

„Alles ist irgendwie wirksam und hinterlässt eine Reaktion. Wie du schon sagtest, Kathrin, wir sind uns dessen nicht bewusst. Und noch mal mein Hinweis auf die Bindung an zeitliche Abläufe, wenn wir weniger in Vorher-Nachher denken, können wir ein großes Ineinanderwirken eher erfassen, oder die unzähligen, aktuellen Reize besser wahrnehmen.“

„Klingt interessant, aber das menschliche Gehirn filtert doch die Wahrnehmungsreize, so dass wir sie gar nicht mehr alle bemerken.“ Kathrins Stimme lässt auf eine kritische Haltung schließen. Die reife Frau lächelt und schüttelt fast unmerklich den Kopf. Typisch, Kathrin, die kleine Kritikerin.

„Ja, genau, ich glaube, wir können nur sieben Prozent aller augenblicklichen Impulse bewusst erfassen. Wenn wir jetzt noch damit beschäftigt sind, diese gefilterten, Impulse in einen zeitlichen Zusammenhang zu setzen, entgeht uns noch mehr von dem, was wir aktuell aufnehmen können.“ Margaretha lässt ihr Weinglas durch die Hand gleiten und schaut auf die rote Farbe. Es war Hannes gewesen, der die Begrüßung durch herzliche Umarmung und Küsschen als eine Selbstverständlichkeit einführte. Vielleicht ist er einer von jenen Jungs, die in ihrer Erziehung die Erfahrung gemacht haben, dass es sich mit hofierenden Gesten und männlichen Blicken leichter durch das Leben gehen lässt. Und seine Mimik der Provokation, die Komplimente und die Küsschen gehören einfach zu seinem Standardrepertoire der Kommunikation.

„Na ja, Einstein hat ja bewiesen, dass die Zeit relativ ist. “ Hannes Brauen wandern nach oben. Die dunklen Kreise darunter blinken. „Die Geschwindigkeit der Masse ist abhängig von der Krümmung des Raums.“ Wieder diese Herausforderung in Hannes Gesicht. Margaretha fühlt sich beflügelt durch die Mischung aus Wachheit und Bewunderung in seinen Augen.

„Die Lichtgeschwindigkeit!“ Kathrin zieht die Blicke auf sich. Für Margareta wäre es üblich gewesen, Hannes direkt darauf anzusprechen. Sie hätte gefragt, ob er sich seiner Verhaltensweisen bewusst sei. Ob seine Signale ihr als Frau gelten, oder er sie immer an weibliche Personen richtet, die im Alter seiner Mutter sind. Oder sie hätte einfach nur gesagt, ich mag es, wenn du mit mir flirtest. Dann wüsste ich zumindest, ob ich mich täusche oder nicht. Vielleicht neige ich zu erotischen Botschaften, die ich nur von mir gebe, wenn ich mit einer meiner Nichten zusammen in Begleitung ihrer Freunde zusammen bin? Vielleicht steckt in mir das rudimentäre Verhalten der Tierwelt, mich mit den heranwachsenden Geschlechtsgenossen zu messen, bevor ich das Feld der Werbung und des Hofierens der jüngeren Generation überlasse?

„Nein, die Lichtgeschwindigkeit hoch zwei...“ Hannes wendet sich von Kathrin ab und schaut wieder zu Margaretha.

„Solche Dimensionen kann ich mir nicht mehr vorstellen. Das ist theoretische Physik. Mich interessiert eher das Phänomen der Wechselwirkung. Da hat man wenigstens praktisch etwas davon,“ äußert die Freundin des intelligenten, jungen Mannes. Endlich Schluss mit dieser albernen Einstellung, dass eine reife Frau nicht mehr erotisch attraktiv ist und schon gar nicht für jüngere Männer. Ist es nicht an der Zeit auch dieses praktische Merkmal der Emanzipation vor meiner Nichte deutlich werden zu lassen. Margareta spürt einen Hauch von Scham für diesen Gedanken, den sie dem Erfolg ihrer konventionellen Erziehung zuschreibt. Sicher würde von mir erwartet, die Souveräne zu sein und auf Hannes Signale nicht zu reagieren.

„Das ist richtig, denn so betrachtet, heißt das, dass wir uns gegenseitig in unseren Gedanken und Gefühlen beeinflussen. Und natürlich auch in unserem körperlichen Befinden. Das heißt alles, was hier passiert, stellen wir gemeinsam her unter dem Einfluss der anderen Gäste, der Kellner, der Musik, des Lichtes... Wie gesagt, wenn wir die Zeit raffen, dann gibt es da noch das Netz der Familie, das euch zu gewissen Aussagen hin beeinflusste, euch die Art eurer Sozialisation ermöglichte, die Einflüsse von Freunden, über die ihr eigene Werte entwickelt habt, die jetzt in unser Gespräch mit einfließen. Damit unterliegen wir einem Einflussgefüge, das sozusagen außerhalb der Zeit wirkt.“ Margaretha streckt sich auf ihren Stuhl aus. Sie stößt mit dem Fuß an Hannes Bein. „Sorry,“ murmelt sie.

„Kein Problem, du gehörst ja zur Familie,“ erwidert Hannes. Die reife Frau schüttelt den Kopf. Sie fragt nicht, wie sie diese Aussage zu interpretieren habe. Sie kennt die Meinungen, dass sich eine Frau eine Gelegenheit für einen Flirt überall holen kann. Aber doch nicht bei der Jugend! Oder dass sie sich zumindest fragen solle, welche ungelebten Impulse in ihr stecken. Margareta hatte immer wieder beobachtet, dass es als angemessen beurteilt wird, wenn sich ein älterer Herr mit Charme und Erotik in der Stimme selbst in sachlichen Gesprächen einer jungen Frau zuwendet. Aber wenn eine reife Frau auch nur auf die Flirtsignale eines jungen Mannes eingeht, hagelt es böse Bemerkungen.

„Das heißt also, dass wir sozusagen eine dynamische Einheit bilden, die sich immer wieder in sich selbst verändert?“ erkundigt sich Kathrin. Was würde passieren, wenn ich meine Beobachtungen gegenüber meiner Nichte ausspreche und damit vielleicht auch Einfluss auf Kathrins Moral nehme? Margaretha war reif genug, um von sich sagen zu können, dass sie dieses Szenario der Wechselwirkung auch in Hinblick ihrer Verhaltensweisen absuchte. Weshalb nicht diese Szene als normal bezeichnen. Immerhin muss ja auch Kathrin die Botschaften ihres Freundes irgendwie wahrnehmen. Es ist doch schön, dass sie einen jungen Mann gewählt hat, der auch der Tante ein wenig den Hof macht.

„Ja, genau,“ Margaretha nickt ihrer Nichte zu. „Das heißt eben auch, dass wir nicht so eigenständig agieren, wie wir von uns annehmen.“ Sie geht davon aus, dass ihre geliebte Nichte bei der ersten Bemerkung über Hannes Flirtsignale in Entrüstung fallen würde. Sie erinnert sich an missbilligende Aussagen, dass Margareta sich anders kleidet als die Frauen normalerweise in ihrem Alter. Daran, dass Margareta sich doch mehr wie ein Hausfrau benehmen solle, oder sich ihrem Beruf zuzuwenden habe, statt sich noch als Single auf irgendwelchen Partys herumzutreiben. Es wäre traurig, wenn sich meine hübsche, intelligente Nichte mit dieser Einstellung ihre Zukunft als reife Frau begrenzt. Kind, du weißt noch gar nicht, was dir in deinem späteren Leben entgehen würde, wenn du bei dieser Haltung bleibst.

Kathrin hatte sich an die Schulter von Hannes gelehnt. Ihr Freund ließ sein Haupt auf Kathrins Kopf gleiten. Schön, wie sich die Beiden in einander fügen. Sie sind ein harmonisches Paar. Margareta war bereit ihrer Lebenserfahrung zu glauben, indem sie dieses Bild als harmonisch empfindet. Wieso soll ich mich nicht auf meine Lebenserfahrung verlassen, in der Einschätzung, dass Hannes mit mir flirtet?

„Wir beeinflussen uns also ständig, seit dem wir heute zusammen sind. Es lässt sich damit nicht mehr ausmachen, welche Impulse von wem kommen?“ resümiert Hannes. Wieder dieser Blick. Junge, du sprichst es auch noch aus.

Aus den persönlichen Gesprächen mit ihrer Nichte weiß Margaretha, dass Kathrin noch keine Gedanken macht über ein Konkurrenzverhalten unter Frauen und das eigene im Besonderen. Ihre Aussagen dokumentieren oft eine Strenge für sich und andere Mädchen. Weibliche Wesen mögen sich mit erotischen Signalen und Flirts zurückzuhalten, wenn es nicht den eigenen Freund beträfe. Sie kennt auch die Meinung ihrer Nichte, dass die Generation von Tanten und Müttern sich damit erst recht einzuschränken haben. So war Margareta nie gewesen und wurde trotzdem als Lieblingstante bezeichnet. Sie war noch immer die Frau, die ein paar Herren um sich scharte und sich amüsierte. Zu gerne hätte sie Kathrin mit auf dem Weg geben, schau her, mein Mädchen, du musst keine Angst haben, auch wenn du älter wirst, bist du noch Frau mit allem, was dazu gehört. Vielleicht entspringt Kathrins Strenge einer generellen Verlustangst, dass sich etwas Liebgewonnenes ihr entziehen könnte.

„Wo bist?“ fragt Hannes. „Du schaust die ganze Zeit in dein Weinglas.“ Seine Augen blitzen zu Margaretha.

„Ich musste gerade an meine Jungend denken“

„Was hat dich denn dazu veranlasst? Erzähl doch mal,“ grinst Hannes. Aha, er kann das Prinzip der Wechsel wirkenden Einflüsse übertragen.

„Ihr Beide, so wir euch verhaltet!“ Margareta und Hannes würden sich immer wieder begegnen, wenn die Zwei zusammen bleiben. Margareta hätte genug Möglichkeiten das Verhalten von Hannes weiter zu beobachten und eine eigene Umgangsform dafür zu finden. Kathrin kann von meinen Freundinnen lernen. Sie kennt die Lebensperspektive einer Hausfrau und Mutter, die der überbeschäftigten Karrierefrauen und auch die der Singles, die sich noch immer für Flirts und Erotik interessieren. Kathrin kann wählen, welche dieser Rollen ihr am angenehmsten erscheint. Die Augen des Paares sind auf Margaretha gerichtet. Das Raunen und Geklapper im Lokal ist deutlich zu hören.

„Ich erinnere mich, wie ich als junges Mädchen in die Elternhäuser meiner

Verehrer einmarschierte,“ setzt Margaretha endlich an. „Es gab nur einmal einen Vater, den ich auch als Mann interessant fand. Die anderen wirkten damals auf mich wie biedere Erzeuger, die zu einem Neutrum geworden, auf dem Sofa herum saßen. Weil jener gutaussehende Vater mit grauen Schläfen mir auch immer wieder zeigte, dass ich ihm gefiel, fühlte ich mich in seiner Gegenwart beschwingt, und mein Freund wurde damit auch attraktiver. Die Sorge, dass er wie einer der anderen Väter eines Tages im Feinrippunterhemd ohne erotische Ausstrahlung auf einem Sofa sitzen würde, kam nicht auf.“ Margaretha überprüft die Reaktionen in den Gesichtern der jungen Menschen. Kathrin zeigt ihre kritischen Stirnfalten. Hannes lächelt ihr zu.

„Ich verstehe.“ Hannes nickt bedächtig. Seine Augen funkeln.

„Ja, Margaretha, das kenne ich. Das ging mir bei Alex auch immer so. Ich war immer geschockt, wenn sein Vater sich gar so bürgerlich gab. Nur wusste ich nicht genau, warum. Aber es stimmt, ich hatte auch immer Angst, dass Alex sich so entwickeln könnte. Gott sei dank, ist ja dein Vater nicht so.“ Kathrin dreht sich zu Hannes, schiebt ihren Arm unter den seinen und drückt sich an den gut aussehenden Mann. Vielleicht ist es ja auch eine Befürchtung von Hannes, die ihn zu seinem erotischen Mimenspiel und seinen Flirtsignalen veranlasst. Vielleicht will er einfach nur wissen, wie es in dieser Familie um die Vitalität der Frauen in reiferen Jahren steht.

„Und das könnte ja auch dich betreffen, Hannes.“ Margaretha zuckt mit dem Kinn nach vorn, als ob sie damit Hannes einen Ball zu wirft. Sein breites Grinsen und seine erhobene Augenbraue haben einen Aufforderungscharakter, weiter zu sprechen.

„Gott sei dank, in der Familie von Kathrin gibt es nicht nur Lockenwickler oder Torte, die als besondere Qualifikation der weiblichen Familienmitglieder dargeboten werden.“ Hannes berührt ganz offensichtlich Margarethas Hand, die neben dem Weinglas auf dem weißen Leinen ruht. „Deine Perspektive ist gerettet. Du musst nicht befürchten, dass Kathrin später mal zur Mutti wird. Denn sie ist ja oft mit ihrer Tante zusammen, die noch immer Eigenschaften der Jugend besitzt.“

„Deshalb bin ich ja auch mit euch beiden zum Essen gegangen,“ lächelt Hannes. Er löst seinen Arm aus Kathrins Umschlingung und legt ihn um seine Freundin.

„Damit du dich dem Einfluss von uns tollen Frauen aussetzen kannst,“ fällt Kathrin ins Wort. „Wir sorgen doch für sein Wohlbefinden, oder?“ Ihr Blick auf Margaretha lässt auf Solidarität schließen.

Die reife Frau entscheidet sich, Hannes gegenüber nicht auf ihre weibliche Rolle bei einem Flirt zu verzichten, indem sie sie hinter moralischen Ansprüchen und Verantwortungsgedanken für ihre Nichte versteckt. Sie hebt ihren Kopf. Die heraus fordernden Augen von Hannes sind schon wieder auf sie gerichtet. Sie lächelt.

„Ja, ich hoffe doch,“ antwortet sie. Die Melodie ihrer Stimme geht nach oben. „Wie schon gesagt, Gefühle und unser körperliches Befinden unterliegen einer ständigen gegenseitigen Beeinflussung. Sicher kennt ihr es auch, dass euch ein Mensch mit Wut begegnet und ihr plötzlich auch wütend werdet, obwohl ihr euch zuvor ganz anders gefühlt hattet. Oder ihr reagiert auf Aggression von anderen, die sich eindeutig nicht gegen euch richten, mit einer inneren Betroffenheit oder fühlt euch angegriffen. Dann habt ihr euch auf der Basis eurer emotionalen Erfahrungen davon beeinflussen lassen. Entweder ihr werdet ebenfalls aggressiv, oder ihr fühlt euch verletzt und angegriffen, obwohl die Inhalte eueres Gespräch keinen Anlass dafür gegeben haben mussten.“

„Ich werde schnell wütend, wenn mir jemand aggressiv kommt,“ meint Kathrin. „Schon allein deshalb, weil er es wagt seine Aggressionen einfach raus zu lassen.“

„Du wirst immer schnell wütend! Da braucht es nicht viel Einfluss von außen.“ Hannes grinst seine Freundin an

„Ja, so kennen wir sie,“ lächelt Margaretha. Die Augen von Hannes blitzen. „Aber auch ein Mensch, der auf Grund seiner Gefühlserfahrungen nicht so leicht mit Wut reagiert, kann sich davon anstecken lassen. Ihr kennt doch die Eskalation bei Auseinandersetzungen. Die gegenseitige, emotionale Beeinflussung führt zum Ergebnis Streit.“

„Bei der Party neulich, weißt du noch Hannes, bei der Kerstin.“ Kathrin schaut zu Hannes hinüber. Er nickt. „Da hatten wir nur noch gelacht, wegen jedem Scheiß. Und ich weiß genau, dass ich sonst über den Prof mit der dicken Brille nie gelacht hätte.“

„Genau das ist es. Bei angenehmen Gefühlen wird üblicherweise eine Wechselwirkung weniger wahrgenommen. Doch bei unangenehmen Gefühlen sind die Menschen eher bereit Einflüsse dazu heraus zu finden. Z.B. über die Frage, wer war Schuld. Darin liegt ja schon die Annahme, dass man zumindest nicht alleine verantwortlich ist für eine Eskalation.“ Margaretha nimmt einen Schluck von ihrem roten Getränk.

„Ich dachte, dass macht man, weil man den andern nicht mag, oder selbst keine Verantwortung übernehmen will.“ Kathrin zeigt wieder ihren kritischen Blick. Ihre Tante schiebt ihr Glas in die Tischmitte und schaut auf ihre Nichte.

„Ja, psychologisch gesehen vielleicht. Aber es ist auch ein Kriterium dafür, dass ein Mensch doch irgendwie spürt, dass Wechsel wirkende Einflussnahmen vorhanden sind. Bei Streits lassen sie sich vielleicht leichter durchschauen. Ist aber nur so eine Idee von mir.“ Die reife Frau zuckt mit den Schultern.

„Und was lässt sich nicht so leicht durchschauen?“ Hannes Augen blitzen wieder in Richtung Margaretha. Sie funkelt zurück.

„Das, was du vorhin geäußert hast. Auch heute Abend findet eine gegenseitige Beeinflussung statt. Deine charmante Art mir gegenüber beeinflusst mein Verhalten dir gegenüber. Ich fühle mich wohl.“ Margaretha lächelt.

„Du bist halt eine interessante Frau und immer noch attraktiv. Da kann man ja nicht anders.“ Hannes hält seine Augen auf die von Margaretha gerichtet und dreht seinen Kopf in Richtung Kathrin.

„Also Margaretha, du legst es aber auch immer an, so zu sein. Wann ziehst du schon mal was an, was meine Mutter so trägt. Außerdem sprichst du mit uns auch immer über so persönliche Themen. Das machen die Leute aus deiner Generation sonst nicht.“ Kathrin runzelt die Stirn.

„Genau hiermit wird einiges deutlich. Ich stelle fest, dass Hannes charmant ist. Sein Charme ist einer seiner Einflüsse zum Geschehen. Meine Attraktivität ist einer meiner Beiträge. Er stellt fest, dass ich attraktiv bin. Sein Einfluss bewirkt, dass ich mich gut fühle und auch das nächste Mal nicht in Sack und Asche erscheinen werde. Dein Versuch mich zu beeinflussen, Kathrin, liegt u. a. darin, dass du mich mehr zu einer seriösen Dame machen möchtest und mich zum Nachdenken anregst. Einer meiner Wirkungen, die ich hinterlasse, ist die, dass ich gerade, weil ich keine seriöse Dame bin, dein Interesse wecke, mit mir und Hannes zusammen den Abend zu verbringen. Und das geht immer so weiter mit den Wechselwirkungen.“ Margaretha macht eine umfassende Handbewegung, als ob sie Blumen verstreut.

„Woher willst du wissen, dass ich sonst mit dir den Abend nicht verbringen würde?“ Kathrin schaut kokett auf Margareta.

„Wie viel Abende hast du mit Hannes und Tante Anette schon verbracht?“ Die Tante schubst wieder mal ihr Kinn nach vorn, diesmal zu Kathrin.

„Keinen!“

„Eben, sie ist doch die seriöse Dame, zu der du mich immer wieder hin verführen willst. Und sie lebt auch mit bei uns im Haus.“

Kathrin grinst. Hannes ebenfalls. Die Beiden schauen sich vielsagend an.

„Weißt du Margaretha, Kathrin hat mir gestern noch gesagt, dass Anette immer so langweilig ist.“ Margaretha nickt mehrmals mit dem Kopf. „Na, dann lassen wir doch diese Einflüsse als gegeben bestehen,“ säuselt Hannes.

Mit Genuss lässt sich Margaretha von dem jungen Mann den Mantel aufhalten, schlüpft hinein und bedankt sich mit charmantem Lächeln. Wie selbstverständlich läuft Hannes zwischen Tante und Nichte zum Parkplatz. Er hat seine Arme wie zwei Flügel über die beiden Frauen ausgebreitet. Dicht aneinander gedrückt geht die kleine Gruppe durch die kalte Nacht. Margaretha merkt nicht einmal, dass sie nicht mehr darüber nachdenkt.

Auf dem Parkplatz bleiben die Drei in einer Umarmung stehen, halten sich gegen den kühlen Wind warm, um die letzten Worte für einander auszutauschen. Ein paar Danke hin und her, einige gute Wünsche und ein Bussi für die Tante vom Freund der Nichte. Mit Herzenswärme streichelt Margaretha Kathrins Wange und verabschiedet sich. Ein sattes Lächeln zeigt ihr Gesicht.

 

Ende

 


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Wechselwirkung

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