Von Eichen und Bananen

von Theodor Flüssigfeuer

Ein indischer Brahmane hatte beim letzten Deepavali behauptet, mein Großvater sei ein gemeiner Dieb. Ich sehe das ganz und gar anders. Mein Großvater war ein Mann von Welt, ein Reisender ohne Ziel, ein Liebhaber fremder Sitten und Gebräuche. Als Zeichen seines Respekts – und auch ein wenig aus Bequemlichkeit – benutze er an jenem Abend beim gemeinsamen Mahl mit der indischen Gemeinde kein Besteck, sonder aß mit den Händen, wobei er den Reis, den er fein mit Dahl mischte, einzig mit den Fingerspitzen berührte und, wie er es in Indien gelernt hatte, gekonnt zum Mund führte. Woher hätte er denn wissen sollen, dass die Inder unserer Stadt jenes Benehmen unerträglich und widerlich fanden? Ich muss meinem Großvater nur sein mangelndes Verlangen nach Unterhaltung vorwerfen. Hätte er sich nicht so ungemein aufs Essen konzentriert und hätte er, wie man es zum Reden macht, bisweilen den Kopf angehoben, wäre ihm rechtzeitig aufgefallen, dass niemand an der Tafel es ihm gleichtat. Als er die bösen Blicke bemerkte, war es längst zu spät. Er war ein Wolf unter Hunden – und das tat ihm weh.

   Verunsichert wegen der peinlichen Lage, in die er hineingeschlittert war, begab er sich an einen Tisch mit frischem Obst. Bananen waren aufgetischt wie auch Weintrauben, Granatäpfel und Feigen. Alles Gewächse, die man überall auf der Welt auch mit Händen essen durfte. Mein Großvater sah hierin die Chance, seinen Hunger zu stillen und gleichzeitig den Groll der Gesellschaft mit solch einer für Obst vorbildlichen Essweise zu verringern. Er konnte keineswegs ahnen, dass die Früchte dem indischen Gott Ganesha geweiht waren. Freilich hätte ihm auffallen können, dass jener Opfergabentisch neben einem Altar stand, aber ehrlich, seine Augen brachen das Licht nur noch schwach und das darf man einem alten Mann nicht zum Vorwurf machen. Die mit übermäßigem Genuss vorgetragene Behauptung des indischen Brahmanen, er sei ein Dieb und habe zudem noch das Gold des Altars klauen wollen, nahm mein Großvater gelassen hin. Im Zuge seines Lebens hatte er begriffen, dass seine Fehler bei den Mitmenschen nicht nur Trübsal, sonder in erster Linie Freude erzeugten. Sie nährten die Kraft der Stimme und den Schwung des Zeigefingers bei vornehmlich denjenigen, die seine Missgeschicke aufdeckten und unter ihnen nicht im Geringsten zu leiden hatten und die sich somit jedwede Übertreibung und Unterstellung leisten konnten. An diesem Abend entschuldigte sich mein Großvater und verließ den Festsaal.

   Mich stimmt vor allem traurig, dass dieser indische Brahmane der letzte Priester war, den mein Großvater sehen sollte. In der folgenden Nacht erlitt er einen Schlaganfall und starb drei Monate später im Park eines Altenheims, während er von seinem elektrischen Rollstuhl aus eine knorrige Eiche anpinkelte und mit den Füßen einen Soukous-Tänzer nachahmte. Man fand ihn drei Tage später, als das Fehlen seines Rollstuhls auffiel und auf der Suche nach dem Gefährt ein Gärtner dabei erwischt wurde, wie er die Räder von diesem Prachtstück deutscher Technik abmontierte. Es mutet womöglich ein wenig seltsam an, aber ich mag den Tod meines Großvaters. Selbst im Sterben spielte er die seltene Melodie der Ehrlichkeit, ein Duett zwischen ihm und dem Gewöhnlichen, und so war er wie ein Monolith – in seiner Größe ein einsamer Stein…

 

Ende  

 


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