Schatten in der Nacht

von Marion Menger

 
„Habt ihr Lust heute Abend zum "Flying Rat Market" zu gehen?“ fragte Alain. Ich hatte ihn vor Jahren in einer Sylvesternacht in Bangkok kennen gelernt. Angeblich war er Belgier und von seiner Familie verstoßen worden. Nun schlug er sich mit Sprachunterricht in Bangkok durch. Später würde ich herausfinden, dass außer seinem Namen und seiner permanenten Geldnot nichts an seiner Geschichte stimmte, und statt Sprachunterricht zu geben nahm er Frauen aus, die dumm genug waren auf seine Lügen hereinzufallen. Sein gutes Aussehen war sein Kapital. Mein Sohn Olli hatte ihn vom ersten Moment an durchschaut. Ich nicht. Ich hatte schon immer eine leichte Ladehemmung, was die Einschätzung der Motive von Männern betraf. Alain hatte mir erzählt, er warte auf eine telegrafische Überweisung aus Belgien, und so hatte ich ihm vertrauensvoll ein paar hundert Baht geliehen. Nun klebte er wie ein Schatten an meinen Fersen.

 „Der Flying Rat Market ist ganz in der Nähe, ein großer Essmarkt, er wird nur abends aufgebaut. Dort gibt es eine Riesenauswahl an Thaigerichten und chinesischem Essen, total billig", schwärmte Alain.

 „Oh ja, gerne!“ Über den merkwürdigen Namen des Marktes machte ich mir zunächst keine Gedanken. Ich war begeistert. Exotische Gerichte ausprobieren gehörte zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Außerdem hatte ich bereits als Kleinkind gelernt, dass mir das Essen über vieles hinweghelfen konnte: Einsamkeit, Probleme, Angst, Traurigkeit, Unsicherheit, Schuldgefühle, oder was auch immer in meinem Leben gerade schief ging. Entsprechend schwer war es mir immer gefallen, mein Normalgewicht zu halten. Allerdings erzählten mir die anderen Traveller in der Khao San Road, dass sie hier in Thailand enorme Mengen essen konnten und trotzdem ständig abnahmen. Ich war begeistert.

Die Freude würde jedoch nicht lange währen – irgendetwas stimmte wohl nicht mit meinem Stoffwechsel. Oder mit der Interpretation von „enorme Mengen“. Oder mit der Auswahl der Speisen. Bei mir würde es jedenfalls genau anders herum laufen. Aber noch wusste ich das nicht.

Olli hätte lieber im „Hello“ zu Abend gegessen, dem einzigen Restaurant mit westlicher Speisekarte. Das einheimische Essen war ihm noch fremd, aber mir zuliebe willigte er ein mitzukommen – allerdings mit einem extrem langen Gesicht, um mir sein Opfer so richtig bewusst zu machen. Wenigstens hatte er so die Gelegenheit Alain zu beobachten und aufzupassen, dass ich keine Dummheiten machte. Die beiden konnten sich nicht ausstehen.

Der „Flying Rat Market“ lag ganz in der Nähe des New World Department Stores. Dieser vielstöckige Einkaufspalast mit Aircondition war damals gerade fertig gestellt worden. Einige Stockwerke waren noch nicht vollendet. Die Konstruktion besaß keine Decken zwischen den Stockwerken, man konnte vom Erdgeschoss aus bis zum Dach sehen. Ein guter Ort zum Abkühlen, das hatten wir bereits herausgefunden, und auch in den Jahren danach zogen wir uns immer hierher zurück, wenn die Mittagshitze in Bangkok unerträglich wurde. Inzwischen existiert das New World nur noch als Ruine. Als ich das letzte Mal in Bangkok war, hatte man sämtliche Fenster und Eingänge mit Brettern vernagelt.

Ein Stück weiter führte eine Brücke über den Khlong, so heißen die Kanäle, die Bangkok durchziehen. Steinstufen führten hinunter zum Wasser, und direkt am Ufer entlang waren endlose Essstände aufgebaut. Um jeden dieser Stände gruppierten sich voll besetzte Tische und Stühle. Beleuchtung gab es nur innerhalb der überdachten Stände, in denen pausenlos geschnippelt, gebraten und gekocht wurde. In dem schummrigen Licht herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Wir sahen nur sehr wenige Westler; die meisten kannten wir aus der Khao San Road. Das Viertel Banglampoo war damals der Geheimtipp unter den Backpackern. Wir bildeten eine kleine Gruppe von langnasigen Westlern und erregten überall Aufsehen. Oliver und ich hatten uns schon daran gewöhnt, dass wir immer wieder angestarrt und angefasst wurden.

Alain ging voraus, er kannte sich aus. Auf diesem Nachtmarkt aß er jeden Abend. Billiger konnte man sich in Bangkok kaum verpflegen, und das Angebot war überwältigend. Hier dampften Bratnudeln mit Garnelen, dort roch es nach Reis mit Huhn, an einem anderen Stand wurde zischend ein Muschelomelette im Wok zubereitet. Es gab Nudelsuppe, Reis mit allen Arten von Curries – jeder Stand bot eine Spezialität an. Immer wieder stieg uns der beißende Geruch der Chilis in Nase und Augen. Sie wurden in vielen Gerichten verwendet. Unter den grauen und dunkelgrünen Schirmen staute sich die Hitze.

Der Geräuschpegel auf dem Markt war enorm hoch. Es gab verschiedene Musikboxen, die über das Gelände verteilt waren. Alle waren ununterbrochen und in voller Lautstärke in Aktion. Ebenso wie die Fernseher, aus denen für uns Unverständliches herausbrüllte. Bei jedem war ein anderes Programm eingestellt. Uns dröhnten die Ohren, während wir von Stand zu Stand schlenderten. Wir konnten uns nur schreiend verständigen und fragten uns, wie die Thais das aushielten. Wir hatten schon mitbekommen, dass in einem ordentlichen Thai-Haushalt der Fernseher vom frühen Morgen bis spät nachts als Geräuschkulisse in Aktion zu sein hatte. Auch wenn niemand zusah, selbst beim Essen, oder wenn sich die Familie unterhielt - der Ton war immer voll aufgedreht, und niemand schien sich gestört zu fühlen. Offenbar konnte man lernen, gewisse Geräusche auszuschalten.

Wir erreichten die hintere Abgrenzung des Essmarktes. Hier hatte man sich offenbar auf Desserts spezialisiert. In einer Ecke waren auf einem fahrbaren Stand runde, oben offene Glasbehälter kunstvoll neben- und übereinander aufgebaut. Einige der Gläser waren mit verschiedenen Sorten Geleestückchen gefüllt. Jede Sorte hatte eine andere Farbe; Rosa, Grün, Gelb, Weiß, Braun, Rot. Einige sahen aus wie kleine runde Knöpfchen, andere waren in feine Streifen geraspelt. Einige Gläser enthielten gekochte Lotosnüsse, Erdnüsse, verschiedene mit Gelee glasierte oder eingelegte Früchte und weitere für uns undefinierbare Zutaten. Man konnte zwei, drei oder mehr davon auswählen. Eine kleine Schüssel wurde mit einer Lage zerstoßenem Eis halb gefüllt. Darauf kamen die ausgewählten Sorten, und dann wurde alles mit süßer Kokosnussmilch übergossen. Daneben brutzelten in Teig getauchte Bananen und Ananasstücke, und ein paar Schritte weiter konnte man zusehen, wie Bananenpfannkuchen zubereitet wurden. Der fettig-süße Duft stieg uns in die Nase, und uns wurde bewusst, wie hungrig wir waren.

Jeder von uns wählte ein Gericht an einem der Stände aus, dann stürzten wir uns auf einen gerade freiwerdenden Tisch neben der grauen Steinmauer direkt am Wasser. Hier musste man schnell reagieren. Die Köche hatten uns in Zeichensprache und mit einem breiten Lächeln zu verstehen gegeben, dass sie uns das Essen bringen würden. Englisch sprach niemand. Ein junges Mädchen brachte einen Behälter mit Eiswürfeln. Tee stand auf dem Tisch und wurde nicht extra berechnet. Daneben entdeckten wir einen runden rosa Behälter mit einem kleinen Loch im Deckel, aus dem Papier herausragte. In dem Behälter lag eine Rolle Toilettenpapier, das hier offenbar als Serviettenersatz diente. Diese Art Servietten fanden wir später in fast allen thailändischen Restaurants, und sie sind auch heute noch überall zu finden.

Ich bestellte eine große Flasche Singha-Bier und teilte es mit Alain.
"Schnorrer", murmelte Olli mit einem verkniffenen Seitenblick.

Ich grinste in mich hinein. Mein grünes Curry auf Reis war sehr scharf, aber es schmeckte ausgezeichnet. Olli hatte einen Teller Patthai vor sich stehen, thailändische Bratnudeln mit vielen verschiedenen Zutaten. Es war mit gerösteten Erdnüssen und frischen Sojasprossen bestreut und duftete verführerisch.
„Darf ich mal probieren?“ Ich wusste, was jetzt kommen würde.
„Muss das sein? Gierlappen.“ Widerwillig reichte er mir seine Gabel mit ein paar Nudeln herüber. Er hasste es, wenn ich von seinem Teller naschen wollte. Es schmeckte köstlich. Patthai würde fortan zu meinen Lieblingsgerichten gehören. Das junge Mädchen hatte eine Schüssel mit verschiedenen Blattgemüsen, knackigen, grünen Schlangenbohnen, frischer Salatgurke und Kohlachteln auf den Tisch gestellt. Wir knabberten das rohe Gemüse zu unserem Essen. Es beruhigte Zunge und Gaumen, die von der ungewohnten Schärfe wie betäubt waren.

Plötzlich huschte etwas über meine Füße. Erschrocken sah ich unter dem verwitterten Holztisch nach. Da saß eine dicke, graue Ratte – dicker und größer als mein Kater Buddy – und sah zu mir auf. Sie putzte sich.

„Igitt, eine Ratte!“ rief ich und zog meine Füße zurück unter meinen Stuhl. Olli bückte sich unter den Tisch und lachte, schob aber seine Füße unauffällig seitlich auf die Steinbrüstung zum Khlong. An Ratten waren wir ebenso wenig gewöhnt wie an Kakerlaken.

Alain hatte wortlos über sein Muschelomelette gebeugt dagesessen, vehement kauend. Ab und zu hatte er mit etwas Bier nachgespült. Seine Augen waren ständig in Bewegung gewesen, hierhin und dorthin, als fühlte er sich beobachtet. Jetzt sah er kurz auf, blickte unter den Tisch und meinte: „Das ist hier normal. Was glaubst du, warum der Markt „Flying Rat Market“ heißt? Stell dich nicht so an. Du bist hier in Bangkok.“ Und dann aß er ungerührt weiter.

Inzwischen hatte das unappetitliche Tier zu unseren Füßen seine Toilette abgeschlossen und war weiter gezogen. Jetzt fielen mir überall unter den anderen Tischen entlang der Wasserlinie huschende Bewegungen auf.

„Mami, ich möchte gerne gebackene Bananen zum Nachtisch“, schmeichelte Olli. Wir teilten uns eine Portion des fettigen Snacks. Danach hatte ich fürs erste genug vom Flying Rat Market. Ich bezahlte unser Essen und wir machten uns auf den Weg zurück ins Guesthouse. In dieser Nacht sahen Olli und ich nicht nur einmal unter das Bett. Hatte da nicht etwas geraschelt? Oder geknabbert? War da etwa gerade ein Schatten durchs Zimmer gehuscht?

Natürlich sind wir trotzdem wieder hingegangen. Man gewöhnt sich an vieles, und nach ein paar Tagen fielen uns die grauen Schatten unter den Tischen nicht mehr sonderlich auf.

Und Alain? Gegen Olli hatte er sowieso nie eine Chance gehabt. Aber als die telegrafische Überweisung nach ein paar Tagen immer noch auf sich warten ließ, klingelten auch bei mir die Alarmglocken und mein Geldtäschchen blieb geschlossen. Alain verschwand daraufhin so schnell aus meinem Leben, wie er aufgetaucht war: ein grauer Schatten in der Nacht. Vermutlich hatte er inzwischen eine neue Gönnerin. Das geliehene Geld habe ich nie wieder gesehen. Dafür war ich um eine Erfahrung reicher.

Ende

 


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Schatten in der Nacht

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