Nuttenspaghetti

von Marion Menger

Als sie den italienischen Imbiss am Eppendorfer Weg betrat, schlug ihr der Geruch nach verkochter Tomatensauce entgegen. In dem engen Raum hatte sich die Nachmittagshitze mit den Essensdünsten zu einem feuchtheißen Gewaber verbunden. Margie näherte sich dem Tresen. Ein Mann mit enormen Muskeln unter dem verschwitzten, khakifarbenen Hemd saß breitbeinig auf einem der Hocker. Der Hals verschwand fast zwischen den Schultern, nur eine Speckfalte markierte den Ansatz.

Erschreckt hielt Margie inne. Der Kerl kam ihr bekannt vor. Jetzt drehte er seinen massigen Schädel in ihre Richtung.

 „Ach, wen haben wir denn da?“ Sein breites Pfannkuchengesicht verzog sich zu etwas, das entfernt an ein Lächeln erinnerte. „Ach nee. Maaaargie! Tach auch…“

„Herr Ehlers…“ stotterte Margie. „Hallo.“

„Na komm her, ich beiße nicht“, bellte er und klopfte mit einer seiner behaarten Pranken auf den Hocker an seiner Seite.
Zögernd setzte sie sich. Er roch genau wie vor fünf Jahren: nach Pfeifentabak und einem herben Rasierwasser.
„Was isst du? Auch Nuttenspaghetti?“ Zum Koch gerichtet sagte er: „Klar isst sie die. Giorgio, noch ’ne Portion davon. Und ’n Rotwein für die Lady. Trinkst du doch gerne, oder?“
Giorgio stellte ein Glas Wein vor sie hin, und Ehlers nahm seine Unterhaltung mit ihm wieder auf. Margie entspannte sich und trank einen großen Schluck. Erinnerungen stiegen auf, die sie gerne für immer vergessen hätte.

Sie sah sich wieder im „Casa Maria“ in ihr Rotweinglas starren. Ihre Freunde hatten sie versetzt, mitten im Rotlichtbezirk von St. Georg. Damals war Ehlers zu ihr an den Tisch gekommen und hatte sie in ein Gespräch verwickelt. Schnell fand er heraus, dass sie seit langem arbeitslos war. „Willst’n Job, Mädchen?“, fragte er, und gab ihr seine Karte. „Mein Geschäftsführer braucht Unterstützung im „Clarisse“, das is’n Amüsierbetrieb. Bürojob. Morgen lernste Nick kennen. Der stellt dich ein. So, und jetzt essen wir was.“

Margie nickte nur. Sie war völlig überrumpelt. Ein Job! Super! Amüsierbetrieb? Egal. Sie leerte ihr Glas in einem Zug.

„Maria, zwei Portionen Nuttenspaghetti. Große Portionen.“ Seine Stimme dröhnte bis in die hinterste Ecke des kleinen, verrauchten Restaurants. Die Musicbox plärrte ein Lied von Hans Albers. Zwei Männer auf der Eckbank grölten mit.
„Nuttenspaghetti?“ fragte Margie mit einem halben Grinsen.

„Ja“, sagte Ehlers. „Lass dich überraschen. Das Lieblingsgericht unserer Bordsteinschwalben hier auf'm Kiez.“

Am nächsten Tag lernte sie Nick alias Niklas Kahn kennen. Er wirkte ungemein seriös. Alles passte: der graue Anzug aus exclusivem Zwirn, das Seidenhemd, bis hin zur dezenten Krawatte mit passenden Socken und den teuren Schuhen. Er bot ihr ein großzügiges Gehalt. Sie sollte von mittags bis abends um zehn arbeiten. Margie schlug ein.

Das Büro in der Steinstraße war luxuriös ausgestattet. Im krassen Gegensatz dazu gingen die merkwürdigsten Vögel ein und aus. Harry mit dem Bürstenschnitt war auf der Flucht vor dem Finanzamt und arbeitete schwarz. Beckie, schwul und stets perfekt gekleidet, war ein Spieler. Pit Rabe war ihr nicht geheuer. Es hieß, er würde sich täglich um zwölf einen Schuss setzen. Danach stand er bewegungslos am Fenster. Punkt eins stürmte er an seinen Schreibtisch und telefonierte. Sie hatte nie herausgefunden, was er machte. Dann war da noch Yvonne, eine junge Prostituierte. Sie hatte zu Margie Vertrauen gefasst und ihr von ihren Freiern erzählt, die sie heimlich filmte.
Auch über ihre neuen Chefs hatte Margie einiges erfahren.

Ehlers hatte sich von seinen Preisgeldern als Catcher das Clarisse gekauft. Er war der "Nuttenkönig von St. Georg". Niklas Kahn, „der schöne Nick“ war bei der Kripo rausgeflogen, weil er Geldwäscher unterstützt hatte. Angeblich hatte er einen Kontaktmann bei der Kripo. Noch etwas hatte Yvonne Margie anvertraut: Nick Kahn handelte mit Drogen.

Margie saß hinter ihrem teuren Glasschreibtisch, die Füße in dem dicken Teppich versunken. Plötzlich flog die Ledertür des Chefzimmers auf. Yvonne stolperte ins Sekretariat. Sie war stark geschminkt, trug ein enges T-Shirt zum kurzen Lederrock und knielange, schwarze Lackstiefel. Ihre langen Haare hatte sie unordentlich auf dem Oberkopf zusammengebunden.
„Ob’s dir passt oder nich, Alter, ik hör uff. Ik will nich mehr. Ik hab’ die Kerle satt bis hier oben. Und deine Extrajeschäfte erst recht! Bis hier oben.“ Sie tippte sich an die Stirn.

„Halt’s Maul!“ Mit dem Charme eines Eiszapfens starrte Kahn sie an. „Oder…“

„Oder watt? Watt willste machen? Ik jeh zu die Bullen, und denne? Ab in'n Bau.“ Yvonne starrte herausfordernd zurück. Sie winkte Margie kurz zu und stolzierte hüftschwingend zum Ausgang.
Am nächsten Morgen klingelte Margies Telefon.
Yvonne stammelte: „Da is eener anne Tür. Ik weeß nich, wat ik mach’n soll. Jottejott. Margie, er kommt … du, sie läuft…“

„Plopp“, machte es, es raschelte, knackte, dann nichts mehr.
Margie erstarrte. Sie musste die Polizei anrufen. Den Hörer bereits in der Hand, wurde sie stutzig. Was hatte Yvonne gesagt? Sie legte auf. Eilig verließ sie ihre Wohnung. Yvonne hatte ein Appartment ganz in der Nähe. Margie klingelte. Nichts. Eine Nachbarin ließ sie ins Haus. Die Wohnungstür im zweiten Stock war aufgebrochen. Margie stieß sie leise auf und schlich in die Wohnung. Yvonne lag in einer Blutlache vor dem Bett. Daneben das zertretene Handy. Margie kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit. Zielstrebig ging sie auf die Fensterfront zu. Sie hatte gefunden, was sie gesucht hatte. Dann rief sie die Polizei an.

Wochen später wartete Margie alleine vor dem Gerichtssaal auf ihre Zeugenaussage. Es war still. Plötzlich näherten sich schwere Schritte. Kalle Ehlers stand vor ihr. Er zog sie an ihren Jackenaufschlägen von der Bank hoch und beugte sich zu ihr hinunter. Sein Atem roch nach frischem Kaugummi.
„Wenn de Nick inne Pfanne haust, biste Vergangenheit, is das klar?“ Er ließ sie abrupt los und setzte sich neben sie.
Dann wurde sie aufgerufen. Nick’s Anwalt hatte ganze Arbeit geleistet. Alle Zeugen – die meisten Prostituierte – hatten sich in Widersprüche verstrickt. Nick Kahn saß siegesgewiss auf der Anklagebank.

Margie schilderte dem Gericht, wie sie Yvonne gefunden hatte. Mit einem Blick zur Angeklabebank zog sie die kleine Kamera aus der Tasche, die sie kurz nach dem Mord in Yvonnes Zimmer sichergestellt hatte.
„Ich habe hier den Beweis, dass der Angeklagte der Mörder ist“, sagte sie mit einem herausfordernden Blick zur Anklagebank. „Es heißt, Herr Kahn habe einen Komplizen bei der Kripo. Ich wollte sicher gehen, dass der Film nicht gelöscht wird. Deshalb habe ich die Kamera zurückgehalten.“

Sie brachte den Miniapparat zum Richtertisch. Er hatte den Mord tatsächlich aufgezeichnet. Nick Kahn war daraufhin zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden. Margie hatte die Jahre danach in Berlin gelebt und war erst vor kurzem mit gemischten Gefühlen nach Hamburg zurückgekehrt.

Plötzlich zog Margie ein Duft in die Nase, der ihr nur zur bekannt vorkam. Auf dem Tresen dampften zwei riesige Teller Spaghetti. Sie griff nach Löffel und Gabel.

Plötzlich drehte sich Ehlers zu ihr um und legte ihr seine Catcherhand auf den Arm. „Was ich dir noch sagen wollte. Du brauchst kein’ Schiss mehr vor mir zu haben. Echt nich. Klar, ich war sauer auf dich. Aber wie de das damals gedeichselt hast… mutig. Ich mag Frauen, die sich nicht einschüchtern lassen. Weisste Bescheid? Und wenn dir mal einer dumm kommt, ruf mich an. Den mach ich platt. Du kannst von jetzt an Kalle zu mir sagen.“ Damit drehte er sich wieder seinem Teller zu.

„Ok, äh… Kalle. Danke.“ Margie rollte eine Portion Spaghetti um ihre Gabel und probierte. Der zarte, pochierte Lachs schmolz auf der Zunge und vermischte sich mit der Sahnesauce. Die Nudeln hatten den richtigen Biss, und über allem schwebte ein Hauch Dill. Es ging doch nichts über Nuttenspaghetti.

Ende

 


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