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Flammen im Brunnen von Theodor Flüssigfeuer Am Firmament der Nacht wirbeln düstere Wüstenkörner, fressen sich in die Riffeln goldener Dünen und singen mit dem Wind das kalte Lied der Gnadenlosigkeit. Dort, in der Tiefe des steinernen Brunnens, findet Harek Unterschlupf. Bald müssen sie kommen, weiß er, sie müssen ihn finden, denn sie suchen ihn – und wen sie suchen, finden sie. Sie lieben das dunkle Blut, das aus Kehlen fließt, diesen warmen dicken Saft des Lebens. Harek atmet die sandige Luft der Wüste in seiner letzten Nacht, das weiß er. Dort im Brunnen wartet der Tod, Leben gibt es nur für die Dünen, sie wandern durch die Ewigkeit, wachsen, schrumpfen, verformen sich, steigen auf, steigen hinab, aber sie leben, leben im Krieg, überleben jeden Krieg. Er friert, sein Herz zittert, es rast, weil es weiß, dass es schon bald nie mehr rasen wird. Dann hört er Stimmen, erst hell, später tief. Er wird nicht flehen, das schwört er sich, niemals wird er um sein Leben flehen. Wer nicht bereit ist, mit Stolz zu sterben, ist schon im Leben tot. Ein Rascheln, dann bröckeln Kieselsteine von oben, die tiefen Stimmen schweben über ihm. Eine Stimme setzt sich auf den Brunnenrand, grünen Tabak hat die Stimme im Mund, sie ist rau und verbraucht, ein alter Wind aus alten Zeiten. Sie bemerkt Harek nicht. In dem Winkel seines Herzen, wo die Hoffnung lebt, öffnen sich dicke Gefäße und beköstigen die Muskeln mit rotem Sirup. Und Harek trinkt von dem Getränk, das er schon vor langer Zeit ausgeschlürft hatte. Die kauende Stimme nimmt einen Eimer und lässt ihn herab. Doch der Brunnen liegt brach, er ist ausgetrocknet wie das Land unter der Hitze des Krieges, der vor einem Jahr mit dem Einmarsch der Amerikaner begonnen hatte. Hareks Glaubensbrüder hatten ihr Land verbrannt, heute wollten sie ihn verbrennen. Metallen scheppert der Eimer auf dem Grund, wütend krächzt die trockene Stimme, zieht ungeduldig am Seil. Es ist die Stimme, die Hareks Eltern die Kehle durchgeschnitten hatte. Eine Sekunde restloser Leere übermannt Harek, sie ist leer wie die Welt, es ist die Sekunde, wo Harek am anderen Ende des Seils zieht. Die kauende Stimme fällt in den Brunnen, dumpf kling ihr Aufschlag. Harek nimmt sein Messer und rammt es in die weiche Kehle der Stimme, welche auf immer verstummt. Er kostet die süße Stille des Todes, die auch sein Tod ist. Schon versammeln sich schreienden Stimmen der Rache um das Brunnenloch, sie fluchen, verwünschen, drohen. Eine von ihnen entzündet das erste Holzscheit, derweil die anderen Stimmen den Brunnen mit Reisig füllen. Bald stehen Flammen im Brunnen, dort wo Wasser stehen sollte; der schwarze Rauch beißt sich durch das Dunkel der Nacht. Dort tanzen die Stimmen von unserer Welt, sie singen eine Hymne des Sieges – und werden nie verstummen.
Ende
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