Ein Grat voll der Gnade

von Theodor Flüssigfeuer

In dem Jahr, da in Amerika Flugzeuge in Hochbauten rasten und man, aufgeschreckt von den Ereignissen, plötzlich vergaß, über das große Schwanzlutschen einer Praktikantin nachzudenken, suchte Bill Jefferson, ehemaliges Vorstandsmitglied von General Motors, das Weite in den endlosen Gebirgszügen des Himalajas. Man könnte sagen, er befand sich auf der Flucht vor seiner Gegenwart, die ihm unerträglich und aussichtslos schien. Kein Mensch kann ermessen, was es für ihn bedeutet hatte, in der Führungsriege eines Automobilkonzerns zu sitzen, dort zu regieren und die Welt von oben aus zu betrachten. Von daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass seine Reise in das gefährlichste und höchste Gebirge dieser Erde eine Suche nach seiner verlorenen Höhe war, eine Suche nach einem von Hochmut durchtränkten Gefühl des Herabblickens in einer Gegenwart, die für ihn nur Täler bereithielt.

   Seitdem er seinen Rücktritt aus dem Vorstand bekannt gegeben hatte, waren nur wenige Wochen vergangen. Der Grund, weswegen man ihn zu diesem Schritt gezwungen hatte, war seines Erachtens mehr denn lächerlich. Freilich war es kühn und vermessen gewesen, die von Geschäftspartnern für gewisse Dienste überwiesene, gewiss nicht geringe Summe an Geld, prompt auf ein Konto seiner Parteifreunde weiterzuüberweisen. Vor Gericht hatte Bill immer wieder von einem Freundschaftsgeld geredet, praktisch von einem Geschenk an die Leute, die er eben mochte, weil sie ihm in so vielen kleinen Dingen hilfreich waren. Und deshalb, verehrte Geschworene, so meinte er, sei dies doch kein Verbrechen, schließlich beschenkt man doch diejenigen, die man liebt. Oder, verehrte Geschworene, wären Sie so grausam und würden ihren Kindern zu Weihnachten nichts schenken, obgleich Sie sie doch lieben? Man muss doch seine Freunde unterstützen, das kann doch kein Verbrechen sein! In welch tiefe Abgründe wäre die Menschheit denn hinabgeschlittert, wenn solche kleinen Geschenke der Liebe kriminell wären? Darf man so etwas wirklich verurteilen? Die Geschworenen meinten ja, und Bill Jefferson fiel genauso tief wie die von ihm gepriesene Liebe. Man warf ihm vor, er verdrehe alle Tatsachen und lenke mit seinen sprachlichen Verzerrungen nur davon ab, Schmiergeld kassiert und gleichsam wieder ausgezahlt zu haben. Nur dem Einfluss seiner Anwälte war es zu verdanken, dass das Urteil recht milde ausfiel. Er blieb zumindest auf freiem Fuß, musste aber horrende Strafzahlungen tätigen und öffentliche Schmähungen über sich ergehen lassen. 

   Der Vorwurf, er habe sich herausgeredet und in diesem Sinne gewissermaßen gelogen, empörte Bill am meisten, kannte er doch solcherlei Behauptungen von seiner nicht mehr ganz jungendlichen Frau, die ihm seit Jahren vorwarf, er wolle mit ihr nicht mehr schlafen. Bill wies dies immer von sich mit den Worten, sie wisse doch, verdammt noch mal, dass er an einer chronischen Entzündung seines Penis leide und deshalb, verflucht und zugenäht, nicht vögeln könne. Die Therapievorschläge seine Frau hatte er grundsätzlich abgelehnt, war aber den Konzepten anderer Frauen gegenüber stets aufgeschlossen. Zu der Zeit, als dem amerikanischen Präsidenten im Oval Office am Schwanz gelutscht wurde, arbeitete eine 34-jähige Putzfrau, eine Mutter von drei Kindern, mit vollem Einsatz auch an Bill Jeffersons lädierten Penis und wurde dafür noch im gleichen Jahr mit ihrem ersten Weihnachtsgeld belohnt. Auch will ich erwähnen, dass Bill Jefferson einst versucht hatte, sich in einem gemieteten Cadillac Eldorado mit einer Schulfreundin seines ältesten Sohnes zu amüsieren, oder wie er sich ausdrücken würde, mit ihrer Hilfe sein Leiden zu kurieren. Eine plötzliche Anwandlung des Mädchens, die unerwartet während Bills lüsterner Massage meinte, die Jungfräulichkeit sei doch besser als ein gut bezahlter Ferienjob, verärgerte ihn dermaßen, dass er, kopflos und außer Fassung, aufs Gaspedal trat und, den eingelegten Rückwärtsgang missachtend, schnurstracks in einen angrenzenden Waldsee raste. Nass vor ihren Eltern stehend, gestand das Mädchen unter Tränen ihre Tat. Zwar waren die Eltern ungemein erbost, aber sie schwiegen angesichts der Geldsumme, die Bill ihnen zukommen ließ, und so wuchs Gras über die Geschichte.

   Auf dem Bergkamm im Himalaja, in einer Höhe, wo ihm eiskalte Atemzüge die Lungenflügel verbrannten, kamen ihm wieder Gedanken an das Mädchen – und an seinen tiefen Fall. Dünn ist die Luft, wenn man oben steht, dachte er und wunderte sich, was ihn antrieb, in derartige Höhen aufzusteigen. Sein Weg war keineswegs ungefährlich, zu beiden Seiten des Kamms taten sich bodenlose Abgründe auf, gefüllt mit milchigem Dunst, verkleidet mit scharfen wie tödlichen Feldbrocken. In der stillen Tiefe seines Geistes summten die Felsen ein lockendes Lied, traurig und zugleich hemmungslos. Kiesgeröll löste sich unter seinen Fußsohlen, stürzte in den Abgrund und hallte im Takt des Todes. Er krallte sich mit seinen Händen an einen großen Stein, nur die Kraft seiner Muskeln hielt ihn jetzt noch am Leben. Ließ er los, würde er in die dunstige Schärfe der Felsen eindringen, genau dorthin, wo man nach ihm sirenenhaft rief. Zu stark war der Ruf und laut, er schloss die Augen und lockerte seinen Griff. Jene Momente wie dieser, da wir über unser Leben und Tod so offensichtlich bestimmen können, sind von so erschreckender Grausamkeit, dass wir es mit einer so ungeheuren Angst zu tun bekommen, wie sie natürlicher und menschlicher nicht sein könnte. Auch Bill hatte Angst, aber es war eine warme, von Gnade erfüllte Angst, die ihm zeigte, wie viel das Leben ihm noch wert war. Dort, eingewickelt von der dünnen Luft der Gipfel, begriff er, dass sein Ende noch nicht gekommen war. Sein Weg führte ins Tal, wo er von nun an leben wollte und wo es gar nicht so anders ist als in der Höhe, nur unscheinbarer und irgendwie leichter. Eine Schneeflocke glitt hinab auf seine warme Hand und zerfloss zu reinem Wasser. Er lächelte und brach auf.

 

Ende        


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