Der Herr Bodis Attwa

von Theodor Flüssigfeuer

Spinnenweben in den Baumkronen, mit Taugewand bezogen, schufen dem Betrachtenden ein gewittriges Funkeln, hier im Großstadtpark, dem Ruhepunkt, zur Zeit der letzten Herbsttage. Dort saß Frau Theresa Kleinjohann auf einer Parkbank, ihren Blick hin und her scheuchend, mal zum blitzenden Naturgepränge und mal zum Schloss, das da stand, umringt von einem trüben See, auf einer Insel. Der Steinbau war umfasst von einer gewaltigen Mauerumfriedung und selbst Zinnen waren aufgesetzt, sehr kitschig anmutend, wie das gesamte Gemäuer, welches nur wenige Jahre vordem an Ort und Stelle errichtet worden. Ein unverbrauchtes Kunstwerk, spotteten einige Städter und auch Theresa fand die Fassade uncharmant. Ihr lag das Innere am Herzen, denn ein Museum war dem Schloss einverleibt, ein reiches Museum mit vielen Musikinstrumenten, sehr alten zum Teil. Dahin ging ihre Begierde, dorthin wollte sie, aber der Fährdienst verlangte viel Geld für die Überfahrt, zu viel, bedachte die junge Frau. Überdies drängte sie nichts ins enge Boot, weil dort bequeme Reiche saßen, einige zumindest, und nach deren Gesellschaft lechzte sie keineswegs. Doch trachtete Theresa deswegen nicht weniger nach dem Ziele und ein genießbarerer Plan war ebenfalls schon angeregt. Noch weile der See ruhig in der windigen Jahreszeit und sei mit einem Kanu bezwingbar, so hatte sie’s erkannt. Ferner habe ein Freund ein derartiges Gefährt und könnte es ihr verleihen. Dennoch fiel Theresa diesbezüglich in sorgenvolle Gedanken. Der Kontakt zu diesem Freund sei abgesunken in den letzten Monaten und übel könnte er’s verzeichnen, wenn er bemerkte, dass sie anrufe nur um des Kanus willen. Nun, geschickt müsse sie’s anstellen, aber da brachen Zweifel an, ob Geschick vorhanden sei. Zu unsicher schien ihr das Unternehmen, zu aufwendig, dass sie lieber Träumen den Vorzug gab, reglos auf der Parkbank sitzend.

   Da kam ein Herr entlang spaziert, bekleidet mit einem aschgrauen, knielangen Mantel, der dem Leib fest anlag durch einen alten Stoffgürtel, wenngleich diese Sicherung ganz unnötig war, weil das abstehende Bauchfleisch den Mantel mit genügend peinlicher Straffheit versah. Seinem kurzen Hals war ein kleiner dunkelhäutiger Kopf mit Glatze angewachsen, dabei die kleine Bogennase hervorstach, der eine dicke Warze anklebte, welche dem Manne die letzte Schönheit raubte. Lächelnd setzte der Hässliche sich auf die Parkbank, ans andere Ende, und trotz seiner Masse tat er es mit erstaunlicher Unmerklichkeit. Gleichmütig verhakte er die Hände vorm Bauch und lächelte weiter. Theresa bemerkte ihn kaum, höchstens flüchtig, und legte ihren Blick beständig aufs Schloss. Unerwartet gab der Mann seiner Stimme Kraft:

     „Entschuldigen Sie die Störung. Ich darf mich Ihnen vorstellen: Mein Name ist Bodis Attwa. Mir fällt’s auf, dass Sie schon für eine Weile ihre Augen auf dem Schloss dort ruhen lassen. Gefällt Ihnen der Bau?“

     „Nein, eigentlich nicht.“, antwortete Theresa, ihrem Traum entrissen. Was wollte der Mann von ihr? Sie verspürte gar keine Lust zu reden, fühlte sich bedrängt. Und dennoch, sie quälte einige Sätze heraus. „Wissen Sie, ich bin Musikerin und spiele Piano im Foyer eines Hotels. Nun, nichts Großes also. Na ja, jedenfalls beschaue ich das Schloss, weil ich mir ausmale, wie’s im Inneren aussehen könnte. Sie wissen schon, im Museum. Die ganzen Instrumente, ja, die würde ich gerne mal besichtigen. Bestimmt wär’s ganz zuträglich für meinen Beruf. Ich meine das Wissen über die Instrumente… Und zugleich würde es mich aufheitern. Aber mit dem Verdienst steht’s nicht gut bei mir. Die Überfahrt ist viel zu teuer. Das kann ich mir nicht leisten. Daher träume ich.“ Theresa hatte mehr kundgetan, als sie beabsichtigt hatte. Das ärgerte sie jetzt.     

     „Eine Begierde ist es also.“, entgegnete der Herr Attwa lächelnd. „Das ist gut. Wenn Begehren auf das Richtige zielt, sei’s immer willkommen. Ich plane schon seit langem dorthin überzusetzen. Vielleicht wollen Sie meine Begleiterin sein? Die Kosten, die übernehme ich.“

   Zuckend rückte Theresa von ihm ab, mehr unwillkürlich als gewollt, und sogleich tat’s ihr Leid und verunsicherte sie. Aber es kamen eben Befürchtungen auf. Vielleicht waren Triebe sehr männlicher Art seine Beweggründe? Wenn ja, so müsste sie seine überschwängliche Rüstigkeit jetzt im Keim ersticken. Aber als sie ihn genauer ansah, beschlich eine eigentümliche Geborgenheit ihr Gemüt. Der Mann war keine Schönheit, nein, keinesfalls, doch trug seine sanftmütige Miene so viel Vertrautheit und Harmonie in sich, dass man ihm keine böswilligen Absichten hätte zurechnen können. Seltsam, dass er so glücklich lacht, dachte Theresa. Er ist ja überaus unschön. Könnte ich mit seiner Gestalt glücklich sein? Allein es blieb keine Zeit zum Grübeln, denn der Herr Attwa zog eine Braue hoch, eine Antwort anfordernd.

     „Nein, ich denke, das wäre nicht gut.“, sagte Theresa zögerlich.

     „Es bekümmert mich zu hören, dass ein gutes Streben erlahmt wegen unnötiger Beklommenheit. Aber natürlich, ich stelle es ganz Ihnen anheim, mich zu begleiten.“, versetzte Herr Attwa, abermals lächelnd.

     „Also…ich denke…vielleicht…ach was soll’s. Natürlich begleite ich Sie.“, sprach Theresa, nunmehr überzeugt von seinen gut gemeinten Bemühungen.

   So kam’s, dass beide das Fährschiff betraten. Für Theresa war dies kein Vergnügen. Sie war eben unter den Leuten, die ihr nicht behagten, doch trug sie ihrem Äußeren eine zufriedene Miene auf; schließlich galt es gegenüber dem großzügigen Herrn Attwa, die Launenhaftigkeit zu verbergen. Mühselig war das nicht, denn man sprach nicht viel. Insbesondere der Herr Attwa schwieg und lächelte. Außerdem war schlechtes Wetter herangezogen, zügiger Wind, der das Wasser zu schäumenden Wellen erhob. So wäre die Kanufahrt unmöglich gewesen und ein Glück ist’s, dass ich die Fähre nutze, dachte die Musikerin.

   Angekommen, begaben beide sich ins Museum. Der Herr Attwa übernahm obendrein den Eintritt, lächelnd. – Staunend glitt Theresa durch die Gänge, verharrte vor allerlei altertümlichen Tonwerkzeugen und seufzte zuweilen dergestalt eindringlich, dass der ein oder andere Besucher daran Anstoß nahm und sich kopfschüttelnd abwandte. Dann entfuhr ihr sogar ein markerschütternder Schrei. Hinter einer Absperrung war ein Piano ausgestellt, das, elfenbeinweiß beschichtet und kunstvoll verziert, ihre Gedanken von allem loskoppelte. Noch auf der Rückfahrt fesselte dieses weiße Kunstwerk ihre Geisteskraft und auf dem Heimweg desgleichen, dass sie fast vergaß, vom Herrn Attwa Abschied zu nehmen. Er lächelte indes.

   Selbst im Bett entwich Theresa nicht der Schwärmerei, nein, ein neues Verlangen gar türmte sich auf in ihr. Sie wollte das Piano berühren, ja nur für einen Moment. Da warf die Schwärmerin sich im Bett von einer zur anderen Seite und bot, so voller Verlangen, Schweißperlen eine günstige Gelegenheit auf kalter Stirn. Und kaum graute der Morgen feurig am Himmel, verfügte sie sich in den Park, so übernächtigt, dass ihre Schönheit Einbußen hinnehmen musste. Das war ihr egal; sie wollte nur ins Schloss, unbedingt.

   Der Herr Bodis Attwa saß auf der derselben Parkbank, lächelnd, als hätte er sie erwartet. Ihr Herz schlug höher. Würde er heut noch mal wirken für sie, die Musikerin? Theresa erzählte von ihrem Verlangen, dem sie anhing und nicht entrücken konnte. Ihrem Gesicht entsprang ein süß-gefährlicher Ausdruck beim Vortrag. Sie schwitzte.

   Er stimmte zu, machte sich erneut anheischig, lächelte. So fuhr man wieder zur Insel, zum Schloss. Die Überfahrt war unangenehm, aber Theresa erduldete das übliche Unwohlsein. Angelangt, bezirzte sie einen Museumswächter, so lange, bis er ihr gewährte ans Piano zu gehen. So erfüllte sich ihr Wunsch, und mit hauchzarten Bewegungen strich die zierliche Frau über die Tasten und drückte die silbernen Pedale leicht durch. So genügte es ihr. Aufgewühlt bedankte sie sich beim Herrn Attwa für das Wirken und Tun.

   Jedoch, auf dem Heimweg, längst nach der Verabschiedung, wurde sie eines Plakates ansichtig, das zu bestimmten Zeiten kostenlose Spielstunden versprach, und zwar auf jedem Instrument im Schloss, sofern der Eintritt entrichtet sei. Da war Theresa abermals um den Schlaf gebracht, denn ein neuer Wunsch entstand in ihr, ein neuer, letzter Wunsch, wie sie’s sich angab. Man werde Glückseligkeit gewinnen, wenn man auf dem weißen Piano spielen dürfe, ahnte sie.

   Als der nächste Morgen erwachte, hetzte die Getriebene in den Park. – Der Herr Bodis Attwa war nicht zugegen, weder auf der Bank noch sonst wo. Wie eh und je gab Stille den Ton an, besonders an ihrem Sitzplatz. Der linde Wind gestattete dem See stumme Ruhe; nichts bewegte sich. – Wo ist er? Wo ist der Herr Bodis Attwa? Das fragte Theresa, zusammengekauert auf der Bank. Nur noch diesmal solle er helfen; darauf werde sie glücklich sein. Und wenn er nicht komme? Dann müsse sie trotzdem übersetzen mit der Fähre. Unbedingt. Aber wie? Woher solle sie das Geld nehmen? Betteln? Nein. So weit werde es nicht kommen. Wo ist er? Wo ist der Herr Bodis Attwa?                    

Ende              


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