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Der Gott von Isenheim von Theodor Flüssigfeuer An einer alten Römerstraße, die seit Jahrhunderten von Pilgern auf der Wallfahrt nach Rom genutzt wurde und deren zerklüftete Pflastersteine von regenfeuchtem Moos zugedeckt waren, lag, versteckt hinter einem grünen Lindenwäldchen, das Antoniterkloster zu Isenheim. Gepriesen war es vielerorts für die Fürsorge und Pflege, welche die Klostermönche den am Antoniusfeuer Erkrankten zukommen ließen. So rasteten nicht selten im Hof des alten Baus mehr als ein Dutzend Wanderer, die von nahem und weitem gekommen waren, um die gesundmachende Kraft des heiligen Antonius, nach dem der Orden benannt war, leibhaftig zu erfahren und um mit seiner überirdischen Hilfe ihre kalten Glieder kurieren zu lassen. In dem Jahrhundert, da über Europa eine von eisigen Winden und Strömungen hervorgerufene Kältewelle hinwegzog, begab es sich zur Adventszeit, dass eine junge Magd aus dem Elsass zum Kloster wanderte. Man erzählte, ihr Vater sei ein armer Zimmermann aus einem Dorf nahe Isenheim gewesen, ein tüchtiger Bursche, der, obgleich noch jung und kräftig, einer der ersten gewesen war, die während der letzten Pest vom Tod ereilt wurden. Da ihre Mutter schon bei ihrer Geburt gestorben war, konnte die junge Waise nicht umhin, sich nach Arbeit umzutun. Nach der Pest, die ganze Landstriche ausgerottet hatte, wurde überall nach Dienerschaft gesucht, und so kam es, dass das einsame Mädchen, das man allseits Liebtraut nannte, noch vor ihrem zehnten Lebensjahr eine Stellung als Magd bei einer alteingesessenen Adelsfamilie in Isenheim annahm. Dort schuftete sie ohne Unterlass. Sie lernte kochen und nähen, fegte Tag für Tag den Sandsteinboden der großen Empfangshalle, reinigte noch des Nachts die Kleider ihres Herrn und nahm die Kinder des Hauses in ihre Obhut. Kein Bürger der Stadt zweifelte an ihrer Tüchtigkeit, ihr Herr nannte sie gar einen Segen, und in diesem Ruf erblühte sie zu einer bildhübschen Frau, die den jungen Kerlen Isenheims den Kopf verdrehte. Als jedoch in ihrem achtzehnten Lebensjahr der Winter Einzug in die Stadt hielt, bemerke Liebtraut eine kribbelnde Kälte in ihren Zehen, ein ihr unbekanntes Gefühl blassen Schmerzes, das sich in wenigen Tagen zu einer peinigenden Qual steigerte. Das Leiden lähmte ihre Tüchtigkeit, und am ersten Advent musste sie alle Arbeiten niederlegen, so sehr schmerzten ihre Glieder. Der Hausherr, bleich vor Sorge, ließ nach dem Stadtdoktor rufen, einem alten Ungarn, der vor Jahren vom Hof des Fürsten verjagt worden war, da er im Verdacht stand, sich mit alchemistischen Praktiken zu beschäftigen. Der alte Doktor überflog mit seinen vergilbten und rissigen Händen den jungen Körper der Magd, wobei Zweifel an der Notwendigkeit zahlreicher Berührungen entstanden, was der Alte aber niederschlug mit dem Argument, die Symptome rechtfertigten eine eingehende und, ja das gebe er zu, auch bisweilen peinlich anmutende Untersuchung. Niemand glaubte ihm. Da er aber der einzige Arzt in der Stadt war – den zweiten Stadtarzt, einen jüdischen Doktor, hatte man nach der Pest vertrieben –, ließ man ihn aus Mangel an Alternativen walten. Am Ende der Untersuchung murmelte er mehrere unverständliche Worte, schnaubte dreimal und zupfte an seinem grau melierten Bart, was bei ihm als eine Geste höchster Zufriedenheit galt. Er meinte zweifellos, die Diagnose gefunden zu haben. Antoniusfeuer nannte er die Erkrankung und erklärte, darüber sei nicht viel bekannt. Machen könne er da leider nichts, aber, welch ein Glück für Liebtraut, es gebe ja ganz in der Nähe das Kloster der Antoniter, und diese rechtschaffenden Mönche würden sich des Mädchens schon annehmen und sie heilen. Noch am gleichen Tag legte Liebtraut warme Kleidung an, namentlich einen mit Schafsfell gefütterten Mantel, den sie von ihrem Herrn für die Reise erhalten hatte; zudem verschnürte sie ein graues Leinenlaken zu einem Sack und tat dort Brot und Käse hinein. Bereit alle Qualen zu ertragen, machte sie sich auf den Weg und stapfte, voll des Schmerzes, durch den neu gefallenen Schnee, der die alte Römerstraße in einen pulverweißen Streifen verwandelt hatte. Der Mönch Ingwin sah sie zum ersten Mal, als er zu später Stunde den unlängst von Matthias Grünewald fertiggestellten Altar entstaubte. Sie betrat die von Fackeln schwach beleuchtete Kapelle gemeinsam mit dem Abt des Klosters, der führte sie geradewegs zum Altar und stützte sie dabei behutsam. Zur Adventszeit war der Altar geschlossen. Man wurde lediglich der ersten Schauseite ansichtig, einer Kreuzigungstafel, die zur Linken vom heiligen Antonius und zur Rechten vom heiligen Sebastian flankiert wurde. Liebtraut entzündete eine Kerze, stellte sie vor sich hin, kniete nieder und versank in ein tiefes Gebet. Der Abt bedeutete Ingwin mit einer Handbewegung, er solle sich um das Mädchen kümmern. Darauf verließ er die Kapelle. Ingwin, der Sohn eines Kapellmeisters, rückte näher an die Magd heran, um sie im flackernden Schein der Kerze besser zu erkennen. Runde Schatten tanzten über ihr feierlich anmutendes Gesicht und gaben ihren Zügen einen solchen Liebreiz, dass Ingwin glaubte, nie ein schöneres Mädchen erblickt zu haben. Er sog ihren Duft ein, ihren süßen erdgleichen Duft, sie roch nach Mandeln, nach Hibiskus, nach Sommermeer, nach Südwestwind, gleichsam als käme sie aus einem fernen Land. Ganz nah schlich er sich heran, wie ein Raubtier auf der Pirsch, auf leisen Sohlen, vorsichtig, mit wachen Sinnen, ganz nah kam er an ihren Rücken, fast konnte er sie spüren, ihr blondes Haar, ihre makellosen Halswirbel, ihre seidene weiße Haut. Und so, bei ihr sitzend, schloss er die Augen, und Bilder leuchteten wie Blitze vor ihm auf, er sah, wie er ihre Kleider abstreifte, wie er den weichen Saum ihres nackten Körpers fühlte, wie er seine Lippen auf ihren Busen drückte und in den Treibsand ihrer Anmut einsank. In diesem Moment prickelnder und aufregender, unbekannter und vollkommender Zweisamkeit, in diesem Moment trug er sich erstmals mit dem Gedanken, sie umzubringen. „Was wollen Sie?“, erklang Liebtrauts Stimme und riss Ingwin aus seinen Träumen. Er war nur noch eine Armlänge von ihr entfernt, so dass sie seinen Atem gespürt hatte und aufgeschreckt war. In ihren Augen standen Angst und Beklemmung. „Ihnen helfen. Ihre Glieder sind von der Krankheit geschwächt, der Geist des heiligen Antonius wird Ihnen Linderung verschaffen.“ Das hatte er gar nicht sagen wollen. Am liebsten hätte er ihr gestanden, wie sehr er nach ihrem Körper gierte, wie sehr er ihn besitzen wollte; für eine Berührung hätte er alles gegeben, vor allem seine Unschuld. Seiner Meinung nach musste er sie ermorden. Wie sollte er sie sonst besitzen? Mit dem Kandelaber aus schwerem Messing, der zu seiner Rechten stand, wollte er ihr auf den Hinterkopf schlagen, das dumpfe Geräusch würde er ertragen müssen, vielleicht auch einen Schrei, dann aber würde es vorbei sein, dann wäre sie sein. Vor dem Altar würde er sie betten, wie ein gottgleicher Engel würde sie daliegen, unschuldig, verführerisch, ja gar verdorben, er würde sie entkleiden, würde sich entkleiden, dann würde er in sie eindringen, in ihr spielen, in ihr vor Lust vergehen, bis der erste Hahnenschrei der blutroten Nacht ein bitteres Ende setzen würde. Noch im Dunkel der Morgendämmerung wollte er ihre Leiche beseitigen, sie mit Gewichten beschweren und in dem anliegenden See versenken. Dann würde er schlafen, würde süß schlafen im Wissen, sie besessen zu haben. „Der heilige Antonius war der erste christliche Mönch.“, sprach er leise zu ihr. „Er hat allen Versuchungen des Teufels widerstanden. Folgen Sie seinem Weg und er wird Sie heilen.“ Keines dieser Worte schien aus seinem Mund zu kommen und doch hatte er sie ausgesprochen. Jedes einzelne Wort ließ seine Gedanken brennen, stiftete eine Verwirrung in seinem Kopf, wie er es nicht mehr kannte, seit sein Vater ihn vor zehn Jahren in das Kloster gebracht hatte. In der Überzeugung, sein Sohn könne dort die beste Ausbildung erwerben und werde zu einem guten Menschen aufwachsen, bat er den damaligen Abt, sich des Sohnes anzunehmen. Der Wunsch wurde ihm gewährt. Für Ingwin stand es außer Frage, dass sein Vater ihn nicht vermissen würde. Sein Vater war ein schweigsamer Mann gewesen, der noch nicht einmal eine Kammer seines Herzens für ihn geöffnet hatte. Zweifellos wollte er seinen Sohn loswerden. Um seines Gewissens willen brachte er ihn an den besten Ort, den er sich für Ingwin vorstellen konnte. „Sei ohne Fehl und Tadel!“, war das Einzige, das er seinem Sohn zum Abschied sagte. Dann ritt er davon – und kam nie wieder. Ingwin wuchs heran zum hübschesten Knaben des Klosters, wohl wissend dass es keinen Mönch gab, der sich ihm nicht zur Liebe hingegeben hätte. Auch im Latein und Altgriechisch konnte ihm niemand das Wasser reichen, er stieg auf zum Lieblingsschüler des neuen Abtes, der so in ihn vernarrt war, dass er sich jeden Abend vorm Schlafengehen von Ingwin aus der Bibel vorlesen ließ. „Ich bin nur eine einfach Magd.“, sprach Liebtraut plötzlich. In ihren traurigen Augen spiegelte sich die hilflose Gutgläubigkeit einer Verzweifelten wider. „Ich bitte Sie, sprechen Sie schlicht zu mir, ich habe nichts außer Kochen und Nähen gelernt.“ Als zwei Jahrzehnte später der Abt des Klosters starb und Ingwin selbst Abt wurde, schrieb er seine Erinnerungen an diese Nacht in einem kleinen, mit Leder eingebundenen Buch nieder und betonte, in jenem Augenblick, da Liebtraut mit so sanfter und gleichzeitig so betörender Stimme zu ihm sprach, seinen Vater gehört zu haben. Sei ohne Fehl und Tadel! Ihm war, als toste ein kalter Wind durch die Poren seiner vor Schreck brüchig gewordenen Knochen, ihm war, als wandere ein Gespenst um den Altar – sein Vater. Ingwin nahm sich mit aller Kraft zusammen, er verbannte das Bild aus seinem Kopf, verbannte die furchtbare Stimme seines Vaters, die er nie wieder hatte hören wollen. Sein Blick fiel zurück auf Liebtraut, auf dieses wunderbare Geschöpf Gottes, das er so begehrte. „Ich wollte Sie mit meinen Worten nicht verschrecken.“, entschuldigte er sich bei ihr. „Sie müssen nur wissen, ich glaube an die Heilkraft des heiligen Antonius. Bevor Sie hierher kamen, standen schon viele Kranke vor dem Altar, sie alle haben beim Anblick der Bilder begriffen, dass eine Krankheit keine Strafe von Gott ist, sondern Seine Art, uns zu Ihm zurückzubringen. So hat der heilige Antonius auch immer wieder zu Gott zurückgefunden, er war gegen alles gefeit, welcher Versuchung oder welcher Qual er auch ausgesetzt war, er hat in der Tiefe seines Herzens einen Glauben besessen, mit dessen Hilfe er jede Plage aus der Welt schaffen konnte. Das war es, was er uns lehrte, und darin liegt seine Kraft zu heilen. Lassen Sie die Bilder des Altars auf sich wirken, es wird Sie sehr glücklich machen. Ich werde hier ruhig sitzen und bei Ihnen wachen.“ Nach seiner Rede lag ihr Blick noch für einen Moment auf seinem Gesicht. Ihre Dankbarkeit für seine Worte war unsäglich groß, und in dem Glück, diesem hübschen und schlauen Mönch begegnet zu sein, wandte sie sich dem Altar zu. Die gutmütigen Gesichtszüge des heiligen Antonius, dieses bärtigen Mannes mit dem roten Umhang, drangen in ihr Herz, durchströmten jede Faser ihrer Muskeln und ließen sie vor Entzücken erbeben. Der Glanz einer jeden Farbe des Altars führte sie zu der Erkenntnis, dass Heilung nicht von Gott selbst kommt, sondern von der Hinwendung zu Gott. Ein Lächeln flammte über ihre Lippen. Sie wusste, dass es vorbei war. Ingwin hatte den Kandelaber in der Hand, er stand mittlerweile hinter der Magd und es war nur ein Schlag, der ihn von ihrem zarten Fleisch trennte. Sei ohne Fehl und Tadel! Seine Hände zitterten vor Aufregung, er hob den Kandelaber. Der Schatten eines Mörders fiel auf den Altar. Sei ohne Fehl und Tadel! „Kommen Sie! Es ist spät, ich führe Sie zu Ihrem Quartier.“, forderte Ingwin sie plötzlich auf. Dies war, so schrieb er später, für ihn das größte Wunder. Je mehr und mehr er sie begehrte und für sich töten wollte, umso gütiger und hilfsbereiter wurde er. Beide begaben sich zum Portal der Kapelle, mit der einen Hand stützte er sie, mit der anderen hielt er den Kandelaber. Der Rausch einer letzten Möglichkeit durchzuckte seine Eingeweide, jetzt noch konnte er handeln, noch würde sie niemand hören. Sei ohne Fehl und Tadel! Er öffnete das Portal und sie betraten den Klosterhof. Dort saß der Abt auf einer Holzbank. Wortlos, mit nur einem scharfen Blick, wies er Ingwin an, sich zurückzuziehen. Ingwin gehorchte und ging schweigend in seine Kammer. Liebtraut verließ nach fünf Tagen geheilt das Kloster. Er sollte sie nur noch einmal von einem Fenster des Unterrichtsraumes aus sehen, als sie die Römerstraße nach Isenheim betrat. Wehmütig schaute er ihr nach, aber er war froh, dass sie das Kloster verließ. Es war der Abt gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass Ingwin ihr nicht mehr begegnet war. Der Abt hatte seinen Schüler bestehen sehen, aber ein Lehrer, das wusste er, darf nicht nur prüfen, er muss auch seinen Zögling vor dem schützen, was ihn zerstören kann, und genau das hatte er getan, denn er liebte Ingwin sehr.
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