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Blut am Berge von Theodor Flüssigfeuer Da war ein Wandersmann, einst, der aufstieg zum Gipfel des Sanjarčokka, im wüsten Hagelgestöber, das ihm anschlug ins bärtige Gesicht, wo Nasenschleim ausfloss, jedoch zäh, da eistiefe Grade den emsigen Lauf lähmten. Still lag des Berges Spitze vor ihm, unsichtbar in verhüllendem Wolkendunst, rufend, wie er befand; denn heute strebte er nach dem Höchsten, im Glauben zu gewinnen. Und so nahm sein Verlangen überhand und zuträglich schien es ihm, auch wenn das Tal, wo Sonne wärmte, sich immer mehr verlor aus seinen alterskläglichen Augen. Gefahr lauerte hier und da, einerseits an den nass-glitschigen Kanten des verstreuten Gesteins und andererseits in der Zermürbtheit seiner alt gewordenen Glieder, die ihm in jungen Jahre weit mehr zu Diensten gestanden hatten. Als er einen felsigen Vorsprung erreichte, nur unweit des gewollten Ziels, war ihm soviel Kraft gewichen, dass Lust und Laune abklangen und er zu rasten sich bereit erklärte. Ein aschgrauer Stein, kantig wie jeder dort, bot ihm Platz und dem Wandersmann wurde ein von Nebel gerahmter Blick zuteil. Da lag sie vor ihm, die gnadenlose Geröllwüste, farblos, unhandlich und träge, denn den frischen Abschnitt hatte er längst schon auf niedriger Höhe passiert. Dort wuchs dem Norden noch buntes Geflecht; gelbrote Farne wie herbstliche Moose und wolliges Gras durchwebten da die einsame Landschaft, sprenkelten das zerstückelte Grau mit untergehender Farbe und tünchten im Gefunkel der flachen Sonne die weiten Ebenen ins Natürliche. Doch lediglich Erinnerungen an Farblichkeit waren ihm hier oben geboren und erneuerten sich in seiner Ruhe, wie es oft geschieht, wenn die Vergangenheit kontrastreich dem Gegenwärtigen anliegt. Plötzlich gewahrte der müde Streiter eine Merkwürdigkeit, merkwürdig im Sinne von ungewöhnlich und ungewöhnlich im Sinne von unerwartet. Was war seinem schwachen Auge habhaft geworden? Was trieb ihm da entgegen? Nun, in der Eintönigkeit fällt es dem Andersgediehenen leicht hervorzutreten und wie in der Wüste eine Wasserquelle prunkt, ergreift in der bewegungslosen Masse eine Bewegung die Sinne. Ein Hase hüpfte entlang dem steinigen Feld, dabei er, geschickt im Laufe, jedem Hindernis berechtigt Sorge trug. Nach einigen Sprüngen erklomm das agile Tier einen scharf geschliffenen Brocken, besetzte ihn mit ganzer Fülle und ließ die hämischen Augen über die Gestalt des verblüfften Wandersmanns streifen. Spitze, hoch stehende Ohren entsprangen dem reglosen Haupt, das langen Barthaaren Wuchs gewährte und ein hell gescheckter, erdgrauer Leib schloss sich an, dessen Haut ohne fettige Fülle die Knochen und Eingeweide umschlang, ein erbärmlicher Leib also, hager, dürr und zartsehnig, wie es die fordernde Natur ihm angetan. Aber Eitelkeit durchdrang das Geschöpf, so es des Felles Geblähtheit nutzte, dem Rumpf an unwirklicher Kraft zuzusetzen, jedoch zu Unrecht, wie’s der Wandersmann bedachte. Der Alte fiel nun der Versuchung anheim, sich dem Hasen zu nähern, dem er Bedeutung hier oben beimaß und der seine Neugier schürte. So schlich er heran, war rasch ganz nah und erntete nur des Geschöpfes spöttische Miene. Keine Bewegung vollzog sich am Tier, bis, schlagartig, der fälschlich gequollene Leib vor Erregung bebte und winzige Schleimtropfen durch die polarkalten Lüfte nieselten. „Gesundheit, Herr Hase!“, sagte vergnügt der Wandersmann. „Gesundheit entrückt euch hier oben wohl schnell? Krankheit ist geschwind gemacht.“ Das sprach er dahin, wie man es mit einem Tiere so macht, hoch angeschlagen und locker, eben ohne Besorgnis ob des Hasen Verständnisses. Noch hegte der Wandersmann keinen Verdacht, doch sollte ihn eine große Überraschung befallen, als nun der Hase das rosige Maul entblößte und Laute formte, die des Wandersmanns Ohren in großes Erstaunen versetzten. „Du sprichst, als hättest du Ahnung vom Körperheil und könntest entscheiden über diesen oder jenen Zustand. Was setzt dich herauf, über meines Leibes Befindlichkeit zu urteilen?“, entgegnete das Tier. „Verwirrt bin ich, da du redest wie ’n Mensch in meiner Sprache.“, versetzte der Wandersmann. „Aber antworten will ich dir tunlichst, denn berechtigt scheint mir deine Frage. Nun, es ist so: Du zeigtest die Körperhaltung, die man einzunehmen pflegt, wenn’s mit der Gesundheit hinab geht. So kam ich drauf.“. „Fürwahr, ich mag’s verstehen. Aber kennst du deiner Worte Wirkung nicht? Nie hab ich an Unheil gedacht, war kerngesund, bis deine Sätze mich trafen, und muss jetzt neu sehen, wie’s mit meinem Befinden steht! Du schlussfolgerst aus deinem Wissen und es sei dir gegönnt, weil bestimmtes Wissen bestimmte Meinungen schafft. Mit Meinungen hingegen kämpfen wir doch täglich und wandeln sie in Wahrheiten um, gleichviel, ob’s die eigenen sind oder nicht. Sagtest du nicht, dass mir Gesundheit vergehe? Es ist deine Meinung, aber wird es mir zur Wahrheit werden? Ich will’s nicht hoffen. Krankheit verdirbt uns selten; eher ist’s die Mutlosigkeit an die Gesundheit zu glauben.“ „Was sprichst du so wirr dahin, Getier? Pass auf, ich will dir erläutern, wie’s um mich steht, denn dann wird dir der Unsinn deiner Rede schon ankommen. Sei aufmerksam! Du musst wissen: Eine üble Entzündung liegt mir im Darm, zerfrisst mir ’s Fleisch und nährt von Körpersäften sich, hingegen mir nur wenig bleibt, fast nichts, bis auf’n blut’gen Stuhl. Mein Arzt, ein klaräugiger Mann, weiß es genau. Er hat gesagt, viel Zeit bleibe mir nicht mehr, denn Heilung gebe es keinesfalls. Tja, und nun kommst du daher und behauptest, wenn ich die Gesundheit meines Leibes zur alleinigen Wahrheit erklärte, wär’ des Doktors Wort wertlos.“, sagte der Wandersmann. „Warum sollte dir die Meinung dieses Doktors zur Wahrheit werden? Gefällt sie dir denn?“, fragte der Hase. „Bestimmt nicht, aber es geht doch auch anders. Wenn du’s mit’m eigenen Mute und Tun nicht entwerten kannst, weil dir die Sicht darauf fehlt, dann versuche einen anderen Arzt, höre dir seine Meinung an und sei vielleicht erstaunt, wie er dich beratschlagt. Sein munteres Wort und Handeln könnten deine Stimmung heben und dir Gesundheit zur Wahrheit machen. Ja, es ist so, denn ’ne einzige, absolute Wahrheit gibt’s nicht für die Gesamtheit. Bist du verwirrt? Du siehst so aus. Na, dann höre! Von einer Geschicht’ will ich dir berichten, dass du’s besser verstehst. – Ein Blinder und ein Tauber, die einander nicht kannten, besuchten ein Opernhaushaus, als ein unbekanntes Ballett gegeben wurde. Es handelte von einem Karneval und prächtige Kleider in frohen Farben sowie herrliche Masken mit seligen Gesichtszügen waren den Schauspielern angetan; die Tänze waren schwungvoll und die Bewegungen leicht, dass jener Taube nun an Überzeugung gewann, nur Fröhlichkeit werde vom Schauspiel vermittelt. Dem Blinden dagegen drangen die Klänge ans sinnliche Ohr und es waren düstere, verworrene Töne, von Moll durchsetzt und ohne Heiterkeit, darauf er dachte, dies Stück sei von solcher Trauer, dass auch dunkle Worte, es zu umschreiben, nichts nützen würden. Der Vorhang fiel; beide verließen das Opernhaus und kehrten heim. Am nächsten Tage schilderten sie ihre unterschiedlichen Erlebnisse und beide trugen ihre Empfindungen mit solch Inbrunst und Entschiedenheit vor, dass jedweder Eingeweihte, dem es dargebracht, die jeweilige Meinung guthieß und sie fortan für gültig erklärte. So kam’s, dass man in dem Städtchen mal an diesem und jenem Ort völlig unterschiedliche Erzählungen über ’s Schauspiel hörte, von Leuten, die es nie gesehen hatten. Es wurde sogar dergestalt innig geglaubt, dass auch Streit nicht selten geschah. – Nun, die Geschicht’ ist beendet. Was ist mit dir? Dein Gesicht mutet wie Kreide an. So setzt dich doch!“. „Ja, mir ist’s unwohl.“, erklärte der Wandersmann. „Kann’s deine Rede sein, die mich so hemmt? Nun, vielleicht ist’s so, denn ich muss dir doch zugestehen, dass mir deine Geschicht’ zu denken aufgibt. Den Gipfel will ich heut vergessen und zurückkehren in meine Hütt’ am Fuße des Berges. Dank dir, Hase und gehabe dich wohl!“ So entschied er und brach ungestüm auf, das redselige Tier im Rücken lassend. Der Abstieg regte seine Gedanken an; Furcht bestieg seine Seele und er fragte sich, welch bittere Anwandlung ihn befallen habe, dass ein Hase auf diesem Berg ihm sprechend begegnet sei. Fern einer Antwort zwang der Alte sich, den Vorfall zu vergessen, den Tag gar zu streichen aus seinem Leben, und eilte dahin ohne Sinnesstärke und Geisteskraft. – Dann traf er im Tale ein. Der Himmel glomm feuerrot, als wäre die Welt im Untergehen begriffen. Schwitzend betrat der Erschöpfte seine Hütte und spürte einen wuchtigen Drang, stürmte zur Örtlichkeit und entleerte seinen Darm. Als er es vollbracht hatte, sank sein Blick herab: Der Abgang lag im Klosett – blutrot. Ende
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