Abgetaucht

von Marion Menger

„Verdammt!“ Bernhard Feddersen starrte auf das Ziffernblatt der Wanduhr in seinem Büro. Außer dem Ticken war kein Laut zu hören. Über dem neuen Programm hätte er beinahe seinen Feierabend verpasst. Eilig schob er seine Papiere zusammen und legte sie in einem ordentlichen Stapel rechts oben an die Schreibtischkante. Computer aus und los. Halt. Die Aktenmappe nicht vergessen.

Der Pförtner in der Empfangshalle zwinkerte seinem Kollegen zu. „17.30 Uhr.“ Zu Bernhard sagte er: „Pünktlich wie immer, Herr Feddersen!“

„Nicht ganz“, sagte Bernhard und rannte los. „Der Bus wartet schon.“ Über die Schulter rief er: „Auf Wieders…“

Ein unheilvolles Quietschen zerriss beinahe sein Trommelfell. Er spürte einen Aufprall, hörte einen Schrei, dann flog er durch die Luft. Hatte er so geschrien? Glas splitterte. Bernhard lag mit starren Augen auf der Straße. Bewegungslos. Gedankenfetzen wälzten sich durch seinen Geist. Unfall? Verletzt. Kein Gefühl. Kein Schmerz. Jemand beugte sich über ihn, aber Bernhard verstand nicht, was er sagte. Watteworte, ohne Bedeutung. Um ihn herum Bewegung, Unruhe. Ein süßlicher Geruch stieg ihm in die Nase. Blut, erinnerte er sich träge. Mein Blut? Die Augenlider wurden schwer, senkten sich halb. Ich schwebe.

In der Ferne erklang eine Sirene. Das Geräusch näherte sich schnell, war jetzt unerträglich laut, immer lauter. Zu laut. Wieder Unruhe, Getrappel, jemand kniete neben ihm.

„Herr Feddersen, können sie mich hören?“

Ja, ich kann. Bernhard versuchte zu sprechen, die Augen zu öffnen. Schwer, zu schwer. Seine Augenlider wurden angehoben. Licht. Berührungen am ganzen Körper. Klirren. Ein Stechen am Handgelenk. Rascheln. Schmerz. Der Geruch nach Desinfektionsmitteln. Er wurde hochgehoben. Wieder die Sirene. Dann umgab ihn Dunkelheit.

Bernhard spürte, wie er hinabsank in einen See aus tiefster Schwärze. Eine Kälte umgab ihn, die alles Lebendige ausschloss. Leere breitete sich in ihm aus, so als würde seine Lebensenergie stetig auslaufen. Nur sein Herz fühlte sich warm an. Es klopfte: Tadong, tadong, dong, dong, tadong, dong… dong… do … do … d… d … dddddddd.

Er hatte den Boden des schwarzen Wassers erreicht. Vor ihm öffnete sich ein Tunnel. Er spürte ein Saugen, ein Ziehen, ließ sich hineingleiten in diesen Tunnel. So ruhig. So schön. Er hatte das Gefühl, nur aus Augen zu bestehen. Ganz intensiv spürte er sie, diese Augen, die an ihren Stielen schwankend in alle Richtungen blickten. In der Ferne entstand ein Schimmern, ging in ein silbriges Leuchten über, hell und strahlend.

Jetzt war er ein Haar. Ein einzelnes Haar auf seinem Kopf. Es zersetzte sich, zerfloss. Viele Haare. Alle zerfielen. Angst hatte er nicht. Er spürte sein Gesicht. Lachen und Weinen zeigten sich darauf, Hass und Liebe wechselten sich ab in schneller Folge. Er spürte Freude und Trauer, Mut und Angst, und Liebe, immer wieder Liebe. Das Bild seiner Mutter schwebte heran, wie sie zärtlich auf ihn hinunter gelächelt hatte. Er war wieder ihr Säugling, sah in ihre Augen.

Eine Stimme. Die Stimme der Mutter? „Du kannst nicht gehen.  Deine Zeit ist noch nicht gekommen.“

Das Licht vor ihm entfernte sich, der Tunnel zog sich zusammen, spuckte ihn aus, zurück in die gurgelnde Schwärze, die tobende Kälte. Langsam stieg er auf zur Oberfläche des schwarzen Wassers. War das sein Herz? Ddddddddddddd...

„Wir verlieren ihn!“ Eine klare Stimme: „Den Defi bitte! Ok? Zur Seite treten.“

Bernhard spürte das Zucken seines Körpers. Dddd… d… d… do… do… dong… tadong, tadong, tadong, tadong.

“Er ist zurück. Gottseidank. Und jetzt sofort in den OP mit ihm. Sind die Blutwerte da? Alles vorbereitet?“
Wieder wurde es dunkel um Bernhard. Dunkel, aber nicht schwarz.

„Herr Feddersen! Können Sie mich hören?“ Jemand berührte seine Wange, legte ihm eine kühle Hand auf die Stirn.“
Bernhard kämpfte sich durch eine schleimige Flüssigkeit ans Licht. Schlingpflanzen versuchten ihn zu greifen, aber er riss sich los. Mühsam öffnete er die Augen. Jemand sah auf ihn hinunter, lächelte ihn an. Eine Frau. Eine Frau in Weiß.

„Herr Feddersen, schön dass Sie wieder bei uns sind. Sie hatten einen Unfall. Wir haben Sie operiert. Es ist alles gut gelaufen.“

Bernhard nickte kurz und tauchte wieder ab. Doch nun hielt es ihn nicht mehr lange in der Tiefe. Als er das nächstemal auftauchte, war das Wasser klar und smaragdgrün. Wieder sah er ein Licht. Aber es war nicht das Licht am Ende des Tunnels. Es war das Licht des Lebens.

Wärmende Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf sein Bett. Er öffnete die Augen und bewegte vorsichtig seinen bandagierten Kopf. Ein stechender Schmerz zuckte durch seinen Körper. Jetzt war er sicher, er lebte. Sein Blick fiel auf die Uhr an der Wand. 17.30 Uhr. ‚Geht doch’, dachte er und versuchte ein Grinsen. „Pünktlich wie immer, Herr Feddersen.“

Ende

 


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Abgetaucht

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